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Schreibschule: Der Feinschliff

Posted on 2008 07, 18 by Lilly

Die Ideen sind vorhanden, Charaktere ausgearbeitet, ein Plot entwickelt, aber man bringt einfach nichts zu Papier. Die meiste Zeit über traut man sich überhaupt gar nicht und verschiebt die Arbeit stets auf den nächsten Tag.Hat man doch etwas schreiben können, wird man spätestens dann, wenn man den Entwurf das erste Mal durchliest total entmutigt und hält sich für einen Loser.


Geht es dir nicht auch so?

Aber Schreiben wird nicht umsonst auch als Handwerk bezeichnet und nicht nur als Kunst.Ohne harte Arbeit, grobes Hobeln und dem anschließenden Feinschliff wird kein Meisterwerk entstehen können, egal mit wie viel Talent wir gesegnet sind.Also habt keine Angst vor dem weißen Blatt- schreibt einfach munter drauf los; mag es auch übel klingen.Schüttelt die Schultern, atmet tief durch und lasst es fließen.

In der heutigen Lektion zeige ich euch, wie ihr euch danach an den stilistischen Feinschliff wagen könnt. Sozusagen selbst Lektor spielen, bevor man einen professionellen Lektor engagiert.

Zuvor noch einige Dinge:

  • Nicht an Papier sparen! Druckt das Manukript nicht so aus, wie es ist, sondern unterteilt es in viele kleine Abschnitte. Das erhöht die Übersichtlichkeit und die Motivation.
  • Legt euch verschiedene, farbige Stifte zurecht!
  • Nehmt euch jeden der folgenden Punkte einzeln und nacheinander vor. Alles auf einmal sehen zu wollen ist kontraproduktiv.

An die Arbeit!

 

  • Gnadenlos streichen

Wann immer du eine Szene beginnst: Schau, ob der Anfang wirklich nötig ist, oder ob der Text nicht an Spannung gewinnt, wenn man gleich zum Punkt kommt.Das gilt für die Beschreibung der Umgebung (damit kann man die Spannung in die Länge ziehen – aber ohne, dass überhaupt etwas passiert ist oder ein Geschehen angedeutet wird, wird der Leser keine Geduld aufbringen), genauso wie eine zu detallierte Beschreibung der Gegebenheiten, welche die Handlung nicht vorantreibt.

 

  • Zu viele Wörter?

Weniger ist mehr! Das gilt auch beim Schreiben. Gewinnt der Text wirklich, wenn man ihn wahllos mit Adjetiven zupackt? Ist es wirklich von Bedeutung, ob die Vase blau oder der Raum groß ist? Geht der Leser nicht automatisch von frischen Blumen aus, wenn sie duften?

 

  • Ich sage, du sagst, er sagt …

Wenn es ersichtlich ist, wer gerade spricht, muss man es nicht zusätzlich erwähnen. Das wirkt oftmals steif. Wenn klar ist, dass sich nur Peter und Maria im Raum befinden, dann braucht man auch nicht nach jeder Aussage ihre Namen dahinter zu setzen. Markiert alles, was nicht unbedingt sein muss mit einer doppelten Linie. In diesem Fall ist das erste “sagte er” ist jedoch akzeptabel, um eindeutig zu zeigen, wer den Dialog beginnt.Bei längeren Gesprächen oder mehreren Personen ist jedoch sinnvoll öfter darauf hinzuweisen, wer gerade an der Reihe ist, um den Leser nicht zu verwirren.

 

  • Sozusagen ist das vielleicht etwas nervig

Zeigt mir einen Text, der ohne diese Füllwörter nicht glatter, eleganter, aussagestarker und besser lesbarer wirkt.Beim ersten Entwurf braucht ihr nicht darauf achten, das hemmt nur die Kreativität. Beim Korrekturlesen achtet dann auf Wörter wie: Eventuell, womöglich, offenbar usw. und rahmt sie ein.

 

  • Ohne Punkt und Komma

Lange Sätze gehen garnicht; sie schränken die Lesbarkeit ungemein ein und nerven den Leser. Intelligent wirkt der, der durch nachvollziehbare Gedanken glänzt und nicht durch verstrickte Satzkonstrukte. Halten wir uns an das Motto: “So kompliziert wie unbedingt nötig, so einfach wie möglich” und markieren Endlossätze mit zwei Pünktchen.

 

  • Zu Tode quatschen

Ein Roman schreiben bedeutet nicht nur “sprechen”, sondern in erster Linie auch “zeigen” und “beschreiben”. Zu lange Dialoge wirken einseitig und uninteressant. Markiert sie mit einem “L” und schaut später, ob man sie nicht ganz einfach kürzen kann, sie aufsplittet, oder sogar beides.Der Beispieltext könnte durchaus interessant wirken, wenn die Ausgangsfrage gestellt wird, ein innerer Monolog mit Beschreibung des Gesichtsausdrucks folgt und die zweite Person anschließend antwortet oder eine Gegenfrage stellt.

 

  • Nicht ständig wiederholen!

Wenn es nicht gerade eine kunstvolle Stilform darstellen soll, die den Text an einer Stelle besonders betont, ist es nicht sinnvoll gleichartige Satzkonstruktionen hintereinander folgen zu lassen. Immerhin wollen wir spannend erzählen, alle Sinne ansprechen und keine Fakten wiedergeben.Markiert solche “Schnitzer” mit einer Wellenlinie.

 

  • Loben muss auch sein!

Aber bei allem korrigieren achtet auch darauf, dass ihr Schmuckstückchen entdeckt.


Nicht alles, was man spontan auf’s Papier bringt, muss überarbeitet werden. Es passiert durchaus, dass Worte aus einem fließen und genauso so passen, wie sie sind. Sie bringen das rüber, was du rüberbringen willst und gefallen dir auch noch nach dem dritten Mal durchlesen.Markiere sie mit einem Häkchen. Wenn du das Manuskript nach einigen Tagen nochmal hervorholst (es ist wichtig die ganze Sache einmal sacken zu lassen, bevor man sich an die Arbeit macht) und dir die Stellen noch immer gefallen, dann kannst du sie ohne Überarbeitung mit in den neuen Entwurf eingliedern.

 

Für weitere Schreibertipps habe ich eine Extrakategorie in meinem Buchshop erstellt. Schaut doch mal vorbei: Klick mich!
Besonders empfehlen kann ich Julia Camerons “Von der Kunst des Schreibens” und die Schreibtips von Raymond Carver.

Scheibschule: Genre und Plot

Posted on 2008 04, 14 by Lilly

Womit wir uns heute beschäftigen werden ist die Frage:
Wie finde ich den Anfang, um meinen Roman schreiben zu können?
Die Antwort ist natürlich nicht einfach, da es keine festen Regeln gibt und weil jeder eine unterschiedliche Ausgangssituation hat.
Während Person A gerade einen interessanten Einfall hat, hat Person B den kompletten Verlauf schon schemenhaft skizziert; Person C jedoch nicht die leiseste Ahnung, worum es auch nur ansatzweise in seinem Buch gehen soll.
Gehen wir davon aus, dass wir alle Person C sind.
Die erste frage, die wir uns stellen müssen, ist folgende:

  • Welchem Genre soll mein Buch entsprechen?

Die Faustregel hierfür ist: das, was du am liebsten ließt, stellt höchstwahrscheinlich auch die Thematik dar, über welche du am besten schreiben könntest.
Du musst dir vorher bewusst sein, in welche Richtung du gehen möchtest. Natürlich kannst du auch bestimmte Gattungen miteinander vermischen; zu experimentelle Romane haben jedoch geringere Chancen verlegt zu werden. Das altbekannte Motto: „Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht“ gilt auch hier.
Denk dabei nur einmal an dich selbst. Wärst du nicht auch enttäuscht, wenn du dir einen schmächtigen Liebesroman kaufst, einfach zum abschalten und entspannen, und in diesem dann mit psychischen Problemen und gesellschaftskritischen Aspekten bombardiert wirst? Oder wenn du dir einen Horror-Roman besorgst, in welchem ein Familiendrama im Vordergrund steht- würdest du dich dann nicht auch verarscht fühlen?

Folgende Genres sind die bekanntesten:

  • Abenteuerroman (selbsterklärend)
  • Bildungsroman (der Held lernt und bildet sich)
  • Heimatroman (vielfältige Naturbeschreibungen, die Liebe zur Heimat)
  • Kriminalroman (Aufklärung eines Verbrechens)
  • Liebesroman (der Konflikt zwischen ihm und ihr)
  • Gesellschaftsroman (Wechselwirkung Mensch – Umgebung)
  • Entwicklungsroman (Konzentration auf Psyche des Protagonisten)
  • Science-Fiction-Roman (Handlungen in der Zukunft)
  • Fantasy- Roman (märchenhaftes)
  • Historischer Roman (vergangene Zeit steht neben der eigentlichen Handlung im Vordergrund und wird ausführlich beschrieben)

Wenn ihr damit noch keine spannende Abgrenzung für eure Geschichte finden könnt, dann googelt ein wenig weiter. Es gibt noch viele andere Bereiche- Wildwestromane, Staatsromane, Erotikromane usw.

  • Einen Plot erstellen

Ein Plot ist nichts weiter als die Handlung.
Ich empfehle hier dem guten alten Aristoteles treu zu bleiben, der behauptet, dass eine gute Erzählung einen Anfang, eine Mitte und einen Schluss haben muss.
Ja, das hört sich durchaus simpel an und wird für viele als selbstverständlich angesehen. Das ist es aber nicht. Natürlich fängt jedes Buch irgendwo an und hört auch wieder auf – aber in vielen Fällen sind die drei Teile nicht voneinander zu unterscheiden.
Manch einer springt sofort in das Geschehen, sodass der Leser gleich von Anfang an gefordert ist- wobei die Gefahr besteht, dass er das Buch lustlos zur Seite legt … während andere den Schluss ungünstig auswählen, sodass die Geschichte an einer Stelle abrupt abbricht, an welcher man nicht das Gefühl hat, dass sie fertig erzählt ist.
Kennt ihr nicht auch die Kino-Erlebnisse, bei welchen ihr die gesamte Zeit über das Gefühl hattet einen grandiosen Film zu sehen … dann kam das Ende und ihr habt nur noch gedacht: „Uh. Toll! Scheiß Film!“?
Wenn das Ende also nicht gut gewählt und eingeleitet wird, dann hinterlässt das ganze Buch einen schlechten Eindruck; egal wie gut die anderen Teile sein mögen.

Zudem meint Aristoteles, dass eine spannende Handlung einen Umschwung, die so genannte Peripetie braucht. Euren Höhepunkt könnt ihr also so gestalten, dass das eintrifft, was der Leser nicht erwartet.
Angenommen ihr schreibt ein Buch über einen glücklosen, jungen Bettler. Dieser wird am Ende natürlich sein Glück finden.
Die Liebenden, die sich die ganze Zeit gesucht haben, werden sich am Ende in den Armen halten. Die erfolgreichen Schurken bekommen das was sie verdient haben und werden geschnappt. Ein Antiheld wird zum Helden, der Unscheinbare erstrahlt im neuesten Glanz.
Wie ätzend wäre es auch, wenn Julia Roberts in Pretty Woman am Ende wieder auf dem Straßenstrich stehen würde? Oder wenn Baby in Dirty Dancing die kleine, liebe Tochter geblieben wäre … die zwar intelligent ist, aber kein bisschen Pfeffer im Arsch hat.
All die Actionfilme- wären sie wirklich interessant, wenn eine auswegslose Situation dann am Ende auch wirklich aussichtslos bleibt?
Nein!

  • Woher nehme ich die Ideen für meinen Plot?

Da gibt es verschiedene Ansätze. Vielleicht lässt du deine Figur das erleben, was du dir für dich selbst wünschst oder gewünscht hast?
Oder du hast einmal einen krassen Traum gehabt, den du bis heute nicht vergessen hast. Vielleicht inspiriert dich eine bestimmte Person auch dazu, dass du sie als Grundlage nimmst und eine Umgebung für sie entwirfst.
Es können Fetzen aus verschiedenen Büchern und Filmen sein, alte Erzählungen, bestimmtes Hörensagen – ganz egal.

Man könnte also so vorgehen:
Ich möchte einen Liebesroman schreiben. Meine Cousine hat ihren Freund im Alter von 12 Jahren kennen gelernt, hat sich auf den ersten Blick verliebt und seither um ihn gekämpft. Sie sind heute noch zusammen, verlobt und haben einen kleinen Sohn.
Das ist meine Grundlage. Davon ausgehend entwerfe ich eine grobe Zusammenfassung für meine Handlung:
Weiblicher Protagonist glaubt an Liebe ihres Lebens. Männliche Person erkennt das nicht, hat viele Freundinnen, tut ihr weh. Immer dann, wenn es für die beiden gut aussieht, wendet er sich wieder von ihr ab. Viele Tränen. Im dramatischsten Moment wendet sich das Blatt: Happy End.

Den Plot für meinen Roman habe ich mit Hilfe von Lindie entworfen. Die Zusammenfassung sieht folgender Maßen aus:
Entwicklungsroman. Junges Mädchen mit Interesse für Musik und Poesie und für die kleinen Dinge des Lebens fühlt sich von der Welt verlassen. Sie lernt einen Mann kennen, der sie schrittweise zurück ins Leben führt. Alles sieht gut aus- aber: kein Happy End.

Richtig, diese kurzen Erläuterungen verraten noch nicht viel. Aber weiter muss eure Idee noch gar nicht gehen.
Habt ihr einen solchen groben Plot entwickelt, dann verfügt ihr über eine ideale Arbeitsgrundlage für die nächsten Schritte: für die Frage, wie ihr Spannung in euer Werk einbauen könnt, wie ihr an Details feilt, wie ihr alles dafür vorbereitet um mit dem ersten Kapitel beginnen zu können.

Schreibschule: Vorüberlegungen

Posted on 2008 04, 01 by Lilly

Also legen wir los. Ab jetzt werde ich euch wöchentlich Techniken, Informationen und Tipps rund um das Schreiben liefern. Hauptsächlich beziehe ich mich auf Romane, da ich selbst und ich hoffe ihr auch, Romanautor werden möchte.
Hin und wieder gibt es aber auch kleine Einschübe für das Schreiben von Gedichten, Werbetexte, Artikel o.ä.
Also, schnappt euch ein Notizheft und einen Stift und habt Spaß!

  • Kann jeder einen Roman schreiben?

Ja!
Gut, nicht jeder kann schreiben wie Stephen King oder Leo Tolstoi. Es kann auch nicht jeder dichten wie Sylvia Plath oder aussehen wie Heidi Klum.
Aber heißt das denn automatisch, dass andere Gedichte schlecht sind und alle anderen Frauen hässlich?
Natürlich nicht! Deine Ansprüche sollten ausschließlich darin bestehen das Beste aus dir selbst herauszuholen – ohne demotivierende Vergleiche. Letzteres sorgt nur dafür, dass du anfängst zu kopieren. Und das Schreiben, dass nicht aus dir selbst kommt, kein kreativer und streng durchdachter Akt der Selbstfindung ist und nichts über dich preisgibt, bringt schlechte und langweilige Texte hervor; Texte die nicht spritzig genug wirken, ohne dass man genau sagen kann, woran es liegt.

  • Und wenn ich kein Talent habe?


Du brauchst kein Talent, sondern nur einen starken Willen.
Wer kommt schon auf die Welt, setzt sich vor dem Laptop und schreibt einen Bestseller? Keinem ist die Beherrschung guter Schreibtechniken angeboren und niemandem werden sinnliche und ergreifende Worte aus heiterem Himmel in den Mund gelegt. Natürlich haben einige Menschen eher feine Antennen und eine gute Beobachtungsgabe, aber solange du es nur stark genug willst, kannst du alles lernen.
Voraussetzungen dafür ist ein gewisses Maß an Ernsthaftigkeit:
„Ach, ich schreibe mal so einen Roman“ – das ist die falsche Einstellung. Es geht nicht einfach „mal so“. Du musst dir im Klaren sein, dass es harte Arbeit ist, die du zu erledigen hast und kein Hobby, was zwischen Windeln wechseln und in die Disco gehen betrieben wird. Natürlich soll Schreiben Spaß machen, keine Frage. Aber sofern du nicht bereit bist viel deiner Zeit zu investieren, wirst du irgendwann an einem Punkt kommen, an welchem du mit dem Schreiben nicht weiterkommst, da du nicht genug Raum für Gedanken hast.
Bei den meisten Hobbyschreibern verwerfen sich die Ideen nach einigen Wochen und man widmet sich wieder anderen Dingen, mit der Ausrede: „Ich bin nicht gut genug dafür.“
Ausdauer, viel Energie und ein starker Wille muss unbedingt vorhanden sein.
Du musst bereit sein früher aufzustehen, wenn dein Tag mit Terminen verbaut ist, das gemütliche Leben hinten anzustellen und dir den Hintern auf deinem Stuhl platt zu drücken – Stunde, um Stunde.
Vielleicht funktioniert es auch anders. Die Frage ist nur: Warum schaffen es nicht einmal 10% derer, die seit Jahren predigen ein Buch schreiben zu wollen, dies auch zu tun?

  • Womit fange ich an?


Am besten gehst du erst einmal in den Buchladen und schnappst dir wahllos einige Schinken aus den Regalen.
Wenn du nicht genug Geld dafür hast, dann schaue, ob du günstige Exemplare bei Ebay ersteigern kannst, oder frage Bekannte, ob sie dir etwas leihen. (Bibliotheken sind auch immer eine gute Anlaufstelle)
Denn Grundregel Nummer 1 ist: Willst du ein Gefühl für die Sprache bekommen, musst du lesen, lesen und nochmals lesen.
Es ist nicht wichtig was, nur bunt gemischt sollte es sein, damit du einen Eindruck aus einer möglichst großen Palette erhälst.

Schreibe dir Passagen heraus, die dir besonders gut gefallen, achte darauf, wie die Autoren ihre Kapitel ein- oder ausleiten, wie sie die Dialoge gestalten oder wie viel Aufmerksamkeit sie den einzelnen Charakteren widmen.
Lese nicht nur aus Vergnügen, sondern analysiere die Texte.

Gut wäre es, wenn du dein Heftchen ab jetzt immer mit dir herum trägst, um spontane Einfälle sofort zu notieren. Damit schulst du deine Auffassungsgabe, übst dich im Schreiben selbst und sammelst Material, welches dir später für dein Buch zugute kommen kann.
Es muss nicht gut sein, was du da zu Papier bringst. Ganz gleich wie dämlich es sich anhört, es bekommt ja doch niemand zu Gesicht, wenn du es nicht möchtest, oder? Notiere dir einfach das was du siehst, was du spürst, riechst, was du hörst – oder auch alles zusammen.

Vor einiger Zeit, es muss irgendwann im Sommer vor zwei Jahren gewesen sein, habe ich mich ausgesperrt. Den Ersatzschlüssel hatte mein Cousin, der eigentlich in der gleichen Stadt lebt; wie der Zufall es so wollte, aber genau zu diesem Zeitpunkt zu Besuch bei seinen Eltern war, die rund 100km entfernt leben. Mir blieb also nichts weiter übrig- ich musste dorthin. Die Laune war am Boden als ich den vollen Zug betrat und realisierte, dass ich aufgrund meiner Blödheit einen ganzen Tag verschenken würde.
Bei der Rückfahrt passierte aber etwas Unerwartetes. Der schwarze Himmel war sternenklar, die Grillen zirpten laut, die warme Sommerluft wehte durch ein Fenster hinein und spielte mit meinen Haaren und ich fühlte mich gut. Auf einen Schlag war ich so glücklich und zufrieden, ganz ohne einen bestimmten Grund zu haben.
Ich suchte also verzweifelt nach einem Stück Papier und einem Stift; fand aber nur einen alten Kontoauszug und musste mir den Kugelschreiber leihen.
Folgende Gedanken wollten aus meinem Kopf heraushüpfen:

Manchmal ist das Glück in einer solchen Intensität gegenwärtig, dass man meint die Situation müsste explodieren, damit sie sich entlädt und greifbar wird.
Geschlossene Augen; Vorfreude vermischt mit Fernweh, Freiheitsgefühlen und der zärtlichen Wiege der Stagnation aktueller Gegebenheiten mit Erinnerungen der Vergangenheit.
Das pure Leben. Das pure Glück.

Seither habe ich immer ein kleines Notizheft dabei. (welches, das werde ich euch morgen zeigen) Man weiß nie wo die Einfälle zuschlagen und ob man Stunden später noch genauso empfindet oder in die Lage ist die Gefühle und Gedanken zu rekonstruieren.