Posts Tagged ‘Rezension’

Jonathan Tropper – Mein fast perfektes Leben

Posted on 2008 11, 27 by www.kirstenmarohn.de

Eigentlich könnte der 28-jährige Doug ein wunderbares Leben führen – doch als seine Frau stirbt, verliert er nicht nur seine große Liebe, sondern auch sich selbst. Sogar nach einem Jahr verlässt Doug das Sofa nur widerwillig: Er will nicht über den Verlust hinwegkommen, denn dann würde Hailey ganz aus seinem Leben verschwinden. Da kommt es mehr als ungelegen, dass es auf einmal andere Menschen gibt, die ihn brauchen: sein pubertierender Stiefsohn, seine scharfzüngige Schwester, sein verwirrter Vater. Ganz zu schweigen von einer Nachbarin, die den trauernden Witwer mit der Eleganz eines hungrigen Hais umkreist. Dougs Leben ist wirklich alles andere als perfekt – aber es hilft nichts: Er muss es endlich wieder in den Griff bekommen …

Jonathan Troppers Buch beginnt amüsant, und im Nu sind die ersten Seiten gelesen, doch leider kommt dann der Einbruch, eine schmerzhafte Erfahrung, die der eine und andere Leser unter euch kennen wird – ein erstes mitreißendes Kapitel, und dann muss man sich damit abfinden, dass man in die typischste aller Verkaufsfallen getappt ist, doch wer vermag schon in der Buchhandlung oder im Internet über das erste Kapitel hinauszulesen? Man muss Vertrauen schenken und sich darauf einlassen. Das habe ich leider bei diesem Buch getan – und ich bereue es.

Dieses Buch wird meiner Meinung nach zu Unrecht beworben. Der Schreibstil ist eine Mischung aus Nick Hornby und amerikanischer, männlicher Sophie Kinsella – was aber bei Sophie Kinsella funktioniert, britischer Charme und die Tücken des weiblichen Alltags, entlockt einem bei Tropper nur ein müdes Lächeln. Da ist also der 28-jährige Witwer Doug, der seine Frau bei einem Flugzeugabsturz verloren hat. Anfangs setzt sich das Buch gekonnt und mit Witz mit dieser Situation auseinander, doch schnell fällt das so säuberlich errichtete Kartenhaus in sich zusammen. Was bleibt, ist ein Witwer, der seinen Kummer Abend für Abend im Jack Daniels (wie einfallsreich) ertränkt und nebenbei seine Nachbarin flachlegt, um Trost zu finden. Die Ausgangsstory alleine – junger Witwer, der trauert und zurück ins Leben finden will – hätte ansich genug Ansatzpunkte geliefert, um eine interessante Geschichte zu erzählen, aber Tropper gleitet allzu schnell in die typischen Klischees und Stereotypen ab. Seine gesamte Familie scheint einer amerikanischen Sitcom entsprungen zu sein, so ist es nicht verwunderlich, dass angefangen bei der Schwester bis zum dementen Vater einem jedes Familienmitglied merkwürdig vertraut vorkommt. Anfangs fand ich das noch schön, weil ich mich irgendwie zuhause fühlte, doch mit der Zeit merkte ich, warum das so war, eben weil ich die Charaktere von amerikanischen Vorabendserien her kannte.

Da ist der nach einem Schlaganfall demente Vater, der gerne mal nackt im Vorgarten rumläuft, dann die ausgeflippte Mutter, die immer noch denkt, sie sei Schauspielerin am Broadway und sich dementsprechend aufführt. Dann hätten wir die Zwillingsschwester Claire, die schwanger ihren Mann verlassen will, und natürlich einen pubertierenden Stiefsohn, den Doug quasi “not-adoptiert”. All diese Personen agieren erschreckend vorhersehbar. Der minderjährige Stiefsohn kifft, trinkt und lässt sich tätowieren. Die Mutter macht vulgäre Szenen. Die schwangere Claire bekommt ständig Hormonschübe, die für ihre merkwürdigen Taten herhalten müssen. All das wäre noch erträglich gewesen, doch die Handlung begegnet dem größten Feind des Schriftstellers, der Willkür. Richtig schlimm wird es irgendwo in der Mitte des Buches, wo unser Witwer ein Date mit einer fremden Frau hat. Das Ganze läuft schief und er bringt die Frau nach Hause. So weit so gut. Dann muss die Frau plötzlich ihr Kind in die Notaufnahme bringen, und Doug soll für das andere Kind im Haus Babysitter spielen. Spätestens hier fragt sich der Leser, wie realistisch ist es, dass man einen quasi fremden Mann auf sein schlafendes Kind aufpassen lässt? Damit nicht genug, bekleckert Doug seine Hose und bedient sich am Jack Daniels. Was macht Doug? Er zieht seine Hose aus und steckt sie in die Waschmaschine (na klar, haben wir doch alle schon mal gemacht, wenn wir bei Fremden zu Besuch waren, nicht wahr?).

Nur in Unterhose bekleidet läuft Doug durchs Haus. Dann fällt ihm ein, dass er pinkeln muss. Das Badezimmer im Erdgeschoss ist zufällig gerade eine Baustelle (so was aber auch!), also muss unser Pechvogel notgedrungen nach oben gehen, um das Badezimmer im Schlafzimmer zu benutzen. Da er aber doch reichlich Jack Daniels getankt hat, kommt es, wie es kommen muss – der Unglücksvogel sinkt auf das Bett jener besagten Frau und nickt dort ein. Als die Frau nach Hause kommt und ihn in ihrem Schlafzimmer vorfindet – nur in Unterhose und die Flasche Jack Daniels in Phallusform zwischen seinen Beinen steckend – kreischt sie und läuft aus dem Haus.

So unsäglich geht es dann Seite für Seite weiter. Auf dem Höhepunkt der Farce gibt es einen Schusswechsel, in dem Doug angeschossen wird – ein glatter Durchschuss an der Seite – und sich mit dieser Schussverletzung dann noch die Haare wäscht …

Ich habe das Buch noch nicht durch – ein paar Seiten fehlen noch -, aber leider läuft die Geschichte an sämtlichen Strippen auf ein Happy End hinaus. Ich frage mich, was an diesem Buch so gut sein soll. Wenn ich dann lese, dass Jonathan Tropper Literatur und Literarisches Schreiben studierte und auch noch Schreibseminare an einer Universität abhält, weiß ich, warum ich KEINE Schreibseminare besuche. Ich kann angesichts dieses Buches nur die Augenbrauen in die Höhe ziehen.

Jonathan Tropper, Mein fast perfektes Leben – eine fast perfekte Zeitverschwendung.  

Sergio Bambaren – Die Bucht am anderen Ende der Welt

Posted on 2008 10, 21 by Lilly

Ich hatte Glück und vorablesen.de schickte mir dieses kleine Büchlein, von dem ich nach einer Leseprobe restlos begeistert war.

Der Autor Sergio Bambaren wollte ein stressiges Jahr ausklingen lassen und machte sich aus diesem Grund auf den Weg nach Tobago, um dort Ruhe und die perfekte Welle zum Surfen zu finden.
Dort angekommen, spielte der Wind jedoch nicht mit und enttäuscht wollte er wieder nach Hause fliegen, bis ihm der Tipp nahe gelegt wird die Unterwasserwelt zu erkunden und sich dabei selbst zu finden.
Und tatsächlich: Er macht sich offen für die Schönheit des Meeres, des Landes und der Kultur und findet den perfekten Einklang mit sich selbst.

Was sich so schön und philosophisch anhört, war in meinen Augen nichts weiter als ein kitschiger und klischeehafter Abriss von Lebensweisheiten.
Sicher, es sind schöne Weisheiten und Worte. Dass man seiner inneren Stimme folgen sollte, nur das tun soll, was wirklich erfüllend ist, sich vom Strom loszureißen und Stille, sowie Langsamkeit genießen. Acht geben und auf die kleinen Dinge bewundern.


Aber sie waren absolut scheußlich verpackt und mit einer Einfachheit beschrieben, die mir zuwider war.
Einfach zu schreiben ist wunderbar, das wusste schon Astrid Lindgren. Aber ein Abriss von bekannten und gut gemeinten Ratschlägen vollkommen unverschnörkelt darzustellen, ist ziemlich anspruchslos.
Witziger Weise hatte jeder Mensch auf dieser Insel irgendetwas total Weises zu sagen wie: „Gehe tauchen und finde, was du suchst!“, ohne zu wissen, dass er überhaupt auf der Suche war. Für mich wirkt das ein wenig unglaubwürdig.
Sicher, am anderen Ende der Welt auf einer kleinen verlassenen Karibikinsel tickt das Leben anders. Aber Menschen sind nun mal Menschen. Selbst wenn sie alle zufriedener und selbstsicherer sind, als der Rest, glaube ich nicht, dass es allen in diesem Maße bewusst ist.
Als er dann noch anfing mit einem Rochen ein Gespräch zu führen und diesen als Engel des Meeres zu bezeichnen, wurde mir anders. Übertriebener ging es nicht.

Geärgert habe ich mich, als ich erfahren habe, dass diese wunderschönen Fotos überhaupt nicht von seiner Reise stammen, sondern von einer normalen Bildagentur, die diese vielfach verkauft.
Das macht den Autor und sein ganzes Büchlein noch unglaubwürdiger.

Es ist nicht so, dass ich nichts gefunden habe, was mir gefällt. Ich habe schon einen netten Eindruck von Tobago und vom Tauchen erhalten.
Aber die ganze Zeit musste ich denken: „Das hätte ich genauso schreiben können, aber ich hätte es realistischer aufgebaut und zwar so, dass man wirklich etwas zum nachdenken hat.“
Dass der Piper-Verlag so etwas veröffentlicht und – darauf könnte ich wetten- mein Manuskript sicher ablehnen würde, macht mich wütend.
Warum werden große Namen immer verlegt, auch wenn sie Mist oder Durchschnittskram vorlegen?
Von mir gibt es nur eine Ratte!

1 Ratte

Carlos Ruiz Zafón – Der Schatten des Windes

Posted on 2008 08, 03 by Lilly

Vor einigen Tagen habe ich nun „Der Schatten des Windes“ beendet und bereue, dass ich hier nicht sofort meinen ersten Eindruck geschildert habe.
Das Buch klingt nach, sicher, aber viele Zitate und Textstellen haben sich bereits aus dem Gedächtnis gelöscht und sind schwer wieder zu finden.

Zafón bedient sich einer märchenartigen, poetischen Sprache- genau das, was mich an Büchern fesselt.
Zwei Charaktere sind besonders ausgearbeitet und mir sofort ans Herz gewachsen: Daniel, der Protagonist, dessen Leben in Kinderschuhen, durch die Pubertät und im frühen Erwachsenenalter erzählt wird. Und Fermín, ein älterer, sehr weiser Mann- immer einen frechen, anzüglichen Witz auf den Lippen- den man nie recht einzuordnen weiß.
Daniels Vater nimmt den Jungen früh mit zu einem geheimnisvollen Ort, der sich „der Friedhof der vergessenen Bücher“ nennt. Tausende Schätze werden dort aufbewahrt und sind nur wenigen Leuten zugänglich.
Ein spezielles Buch, welches er sich dort aussucht, wird ihn von nun an begleiten; er kann es nicht mehr vergessen.

“[...] wenige Dinge prägten einen Leser so sehr wie das erste Buch, das sich wirklich einen Weg zu seinem Herzen bahnte.”

Auf der Suche nach weiteren Werken des Autors, stößt er auf dessen unheimliche Lebensgeschichte und wird von ihr in einem immer tieferen, phantastischen, gruseligen und auch gefährlichen Sog gezogen.
Fermín, zunächst Bettler, später Angestellter in der Familienbuchhandlung begibt sich mit ihm auf eine Reise. Eine Reise durch das vom Bürgerkrieg geprägten Barcelonas, eine Reise durch Liebe, durch wunderschöne Worte, Weisheiten und der Vergangenheit von Personen, die Daniel und seinem Umfeld auf mysteriöse Weise zu gleichen scheint. Eine Vergangenheit ohne Happy End.

Ein Buch über Bücher, über die Liebe zum Lesen und das Leben in Traumwelten.

„Es gibt schlimmere Gefängnisse als Worte.“

vermittelt es.
Es hat mich berührt. Mich lachen und weinen lassen; es hat mir ein atmosphärisches Zuhause für einige Nächte geboten. Nächte, in denen ich mich in Barcelona wohl gefühlt habe, obwohl gerade die Tatsache, dass der Roman, übrigens das Lieblingsbuch von Joschka Fischer, in Spanien spielt vorher Zweifel aufgeworfen hat.

Was für eine Bewertung ist nun angebracht? Eigentlich dürfte ich nicht zögern und müsste sofort 5 Ratten vergeben.
Andererseits kann dieser Roman nicht mit John Irvings Büchern, z.B. „Witwe für ein Jahr“ mithalten. Und John Irving ist eigentlich der, an dem ich alles messen muss, die unangefochtene Nummer eins.
Nach langem Überlegen habe ich mich jedoch entschlossen, dass man beide Autoren nicht miteinander vergleichen darf. Zwar sind beide im gleichen poetischen Sinne sehr wortgewaltig, Irving jedoch im Alltäglichen, Zafón im Besonderen.
Irving ist der beste Geschichtenerzähler der Welt, aber Zafón der Poet.
Deswegen trotzdem 5 von 5 Leserratten.