Posts Tagged ‘Elke Heidenreich’

Was ist Kunst und was ist Müll?

Posted on 2008 11, 03 by Lilly

Hier auf der Seite finden an manchen Ecken wirklich tolle Diskussionen statt und ich bin stolz darauf, dass der Umgangston stets ein freundlicher ist und die Leser sehr geistreiche Sachen schreiben.
Erst vor ein paar Tagen habe ich wieder etwas wunderbares gelesen, das einfach einen eigenen Beitrag verdient.
Die Diskussion um den Artikel über Elke Heidenreich zum Anlass genommen, machte sich die Autorin Ursula Prem sich ihre Gedanken um ein überkritisches (?) Volk. Ein Kommentar, den, so finde ich, jeder lesen sollte:


Die strenge Trennung zwischen Gefühl und Intellekt, zwischen Unterhaltung und Kunst, zwischen U- und E-Musik, zwischen Schund und Kultur scheint mir eine sehr deutsche Krankheit zu sein. Die deutsche Mentalität benötigt klar definierte Schubladen, sonst steht sie den vielfältigen Erscheinungen des Lebens relativ hilflos gegenüber. Wir sind ein Volk mit dem Geist einer Superhausfrau, die bereits ein unangenehmes Kribbeln im ganzen Körper verspürt, wenn nicht alle Handtücher Kante auf Kante gefaltet und nach Farben sortiert sind.
Wer also ordnet für uns all die bunten, eigentlich nicht kategorisierbaren Ausdrucksformen mehr oder weniger künstlerisch veranlagter Geister? -Richtig! Die Kritiker! Wir haben unsere Urteilsfähigkeit an sie delegiert und uns deren fremde Brillen aufgesetzt, durch die wir nun die Welt betrachten. Dass ein Dieter Bohlen nicht zwangsläufig blöd sein muss (ich gehe davon aus, dass eher das Gegenteil der Fall ist!), klassische Werke nicht zwingend altbacken daherkommen müssen (man erinnere sich an den Sex-Appeal eines Leonard Bernstein, der es spielend mit jedem Rockstar aufnehmen konnte), dass auch manche literarische angebliche “Massenware” von tiefer, ehrlich empfundener Lebenskenntnis des Autors zeugen kann (man lese nur den 7. Band von Harry Potter!), dass selbst der alte Goethe nicht unbedingt “oll” ist, nur weil man in der Schule mit ihm “gequält” wurde, dies alles sind Erkenntnisse, die dem “geordneten deutschen Geiste” zuwiderlaufen. Und eben aus diesem Grunde, weil sie das Fassungsvermögen vieler Menschen übersteigen, haben wir die “Kritiker” auf den Plan gerufen.
Bei aller blutleeren Theoretisiererei, die sich in unserem Lande breitgemacht hat, sollten wir aber eines nicht vergessen: Dinge sind nicht immer so, wie sie scheinen. Man mag eine Sendung wie DSDS grottendoof finden. Und vielleicht ist sie das sogar wirklich. Dennoch gibt das Erlebnis DSDS etlichen jungen Menschen die Möglichkeit zur Selbsterfahrung bzw. zum Austesten ihrer Grenzen, und zum Kennenlernen einiger der niedrigsten Instinkte, welche die menschliche Natur kennt. Sie sammeln so ein unbezahlbares Kapital für ihr zukünftiges Leben. Denn, nicht wahr: Der Erleuchtung ist es egal, auf welchem Wege du sie erlangst!

Sorry, aber Elke Heidenreich nervt!

Posted on 2008 10, 29 by Lilly

Dieser ganze Skandal um Frau Heidenreich hat mich eigentlich nicht sehr interessiert. Ich habe ihre Sendung nie geschaut und nie wirklich über ihre Person nachgedacht.
Jedoch sind mir zwei Interviews mit ihr ins Auge gesprungen, einmal im Bücherband Von Bücherlust und Leseglück: Kluge Köpfe und ihre Bibliotheken und einmal im Literaturcafé bzw. auf der Podspot-Seite des Literaturcafés.
Was sie da unter anderem vom Stapel gelassen hat, ist meiner Meinung nach einfach nur arrogant, weltfremd und auch inkompetent.

Ich kann offenbar ganze Sätze bilden mit Subjekt, Prädikat, Objekt. Und das ist doch was heutzutage, wo alles nur „geil“ und „super“ ist.

Ja, super Frau Heidenreich. Wortgewandtheit ist sicher etwas, was einen Menschen zu einem guten Menschen macht. Sie sollten stolz auf sich sein.

[…] es wäre wunderbar, wenn die sehr Intelligenten ein bisschen gefühlsstärker wären und die sehr Gefühlsstarken etwas intelligenter.

Das ist meiner Meinung nach eine Aussage, bei der sich jeder angesprochen fühlen könnte. Wer von sich glaubt intelligent zu sein – und das werde ziemlich viele Menschen denken – dem wird unterstellt unter Emotionsarmut zu leiden. Und Menschen, mit intensiv ausgeprägten Emotionen, ich denke da sind sich auch viele bewusst, dass sie diese haben, wird Dummheit unterstellt.
In ihrer Welt gibt es also keine wunderschön schreibenden, einfühlsamen und cleveren Autoren … und das wo sie doch angeblich schon so viel gelesen hat. Diese Frau tut mir leid.

„Haben Frauen mehr emotionale Intelligenz, als Männer?“ wollte ihre Gesprächspartnerin wissen. Sie meinte:

Auf jeden Fall entwickeln sie durch intensives Lesen mehr emotionale Kompetenz als Männer, die immer nur Sachbücher darüber lesen, wie man ein Auto zusammenschraubt oder die Karriere vervollkommnet.

Zum einen glaubt sie also, dass in der Regel nur Frauen Belletristik lesen und Männer, wenn schon, sich nur im Sach/Fachbereich bedienen (ja, was suchen denn all die „Wie sie eine erfolgreiche Frau werden“ und „Moppel-Ich“-Ratgeber in den Buchhandlungen) und zum anderen geht sie davon aus, dass Belletristikleser ein größeres Einfühlungsvermögen haben.
Ehm. Wie kommt sie darauf?
Ist es nicht eher so, dass emotionale und soziale Kompetenz im Umgang mit anderen Menschen entwickelt werden? Dass nicht die Bücher die Kompetenz schaffen, sondern die Kompetenz die Richtung zur Literatur weist? Gut, kann man sehen, wie man will.

Auf die Frage, ob ins in der heutigen Zeit charismatische Erzähle fehlen, antwortete sie:

Wir haben diese umfassend gebildeten Renaissancemenschen nicht mehr. Das hat sicherlich unter anderem mit dem Dritten Reich zu tun.

Um das mal zu übersetzen: Sie geht davon aus, dass moderne Geschichten junger Autoren weniger interessant bzw. schlechter erzählt sind, weil diese Schriftsteller nicht von Krieg und Leid geprägt sind. Ihnen fehlt es an bestimmten Erlebnissen, um wirklich heraussagend zu sein.
Kommt meine Kollegen, wollen wir uns ein Flugticket für den Gazastreifen besorgen, um unsere Fähigkeiten zu perfektionieren?

Persönlich auf den Schlips getreten fühlte ich mich, als sie den Wert von Blogs aberkannte:

Da heißt es doch immer „Ich, ich, ich! Ich erzähle von mir und ich rechne damit, dass jeder andere das liest, seht her, ich entblöße mein Inneres, so wie in den Nachmittagstalkshows.”

Wie viele verschiedene Arten von Blogs wird sie wohl kennen? Ihrer Meinung nach sicher genug, um mit ihrer Meinung missionieren zu können. Sich auf eine Couch zu setzen, ein Buch in die Kamera zu halten und darüber zu sprechen ist ja auch so viel wertvoller, als es in einem Blog ausführlich zu besprechen.

Den Vogel hat sie dann mit dieser Aussage abgeschossen:

Ich habe noch selten, fast nie, einen Autor interessant reden hören. Sie stottern rum. Sie sind Schreiber. Sie können nicht reden. […] Man muss da hingehen und taff sein. Und Autoren sind zarte, sensible Menschen. Sie sind nicht taff! Und man macht sie tot mit so was.

Wie schön die Vorstellung elfengleicher, verletzlicher Wesen als Schriftsteller auch ist: Es bleiben doch ganz normale Menschen. Zumeist sogar Menschen, die ein Examen abgelegt oder einen Doktortitel in der Tasche haben. (Beispiele: Tess Gerritsen ist Ärztin, Juli Zeh ist Juristin, genau wie Sebastian Fitzek, John Irving arbeitete als Literaturdozent, Tanja Kinkel studierte Kommunikationswissenschaft, Cecilia Ahern sogar Medienkommunikation und J.K. Rowling unter anderem Französisch)
Nicht dass man im Studium rhetorisch geschult wird, Referate halten muss, eventuell sogar Seminare leitet oder in der Kommunikationswissenschaft exakt auf dieses „Taffsein“ getrimmt wird. Neeeein. Autoren können nicht reden.
Nur komisch, wenn ich mich nicht irre, dann ist die gute Elke selbst Autorin.

Jedem seine Meinung, damit habe ich kein Problem. Nur finde ich es traurig, dass Menschen wie sie oder Reich-Ranicki („Ein Roman darf nicht mehr als 300 Seiten haben und muss von gebildeten Menschen handeln.“) so eine Macht im Bereich der Literatur haben.
Der Skandal von Reich-Ranicki war frech und witzig, ihre Aussagen über das ZDF auch – aber ihre persönlichen Meinungen derart zu pauschalisieren und damit die ganze bunte Vielfalt der Literatur in eine Schublade zu stecken: Ekelhaft!
Sie ist zurecht rausgeflogen!