Lilly Berry

Lilly Berry ist mein Autoren-Pseudonym; ein Tribut an John Irvings Romanfigur aus seinem Buch ‘Hotel New Hampshire’.

»In jenem Sommer [...] war noch keiner von uns auf der Welt – wir waren noch nicht mal gezeugt: weder Frank, der älteste, noch Franny, die lauteste, noch ich, die nächste, noch die jüngsten von uns, Lilly und Egg.

“Ich hab’s ja schon immer gesagt, seit Jahren”, sagte Franny. “Lilly wächst nicht – sie ist einfach.”

>Gatsby glaubte an das grüne Licht, an die rauschende Zukunft, die Jahr um Jahr vor uns zurückweicht. Sie ist uns gestern entschlüpft, doch was tut’s [...] – morgen schon eilen wir rascher, strecken weiter die Arme. [...] Und eines schönen Tages so regen wir die Ruder, stemmen uns gegen den Strom und treiben doch stetig zurück, dem Vergangenen zu.<
[...]
Dann legte Lilly los und wir konnten sie nicht zurückhalten..

Es war spät am Nachmittag, die Nutten waren noch nicht da, aber als Lilly loslegte, dachte Susie der Bär, Kreisch-Anni türkte einen Orgasmus in einem Zimmer, wo sie nicht hingehörte. Susie platzte in Franks Zimmer und stieß die Schneiderpuppe um und das arme Fräulein Fehlgeburt schrie verschreckt auf. Aber selbst diese Störung konnte Lilly nicht drausbringen. Ihr Schrei schien in ihrer Kehle gefangen, sie schien an ihrem Schmerz ersticken zu müssen; wir konnten garnicht glauben, dass ein so kleiner Körper so furchtbare Zuckungen, so gewaltige Laute hervorbringen konnte. [...]
“Vater ist ein Gatsby”, heulte sie. “Er ist einer! Ich weiß es! [...]
“Es wird immer etwas geben, das uns jedes Mal entschlüpft. Es wird immer entkommen”, sagte Lilly. “Und Vater wird nicht aufhören”, sagte sie. “Er wird weiter hinter ihm herjagen und es wird ihm immer entkommen. Ach verdammt!”, heulte sie und stampfte mit ihrem kleinen Fuß auf. “Verdammt! Verdammt!”, jammerte Lilly und legte von neuem los, unaufhaltsam – eine Konkurrentin für Kreisch-Anni, die nur einen Orgasmus türken konnte; Lilly, das wurde uns plötzlich klar, türkte den Tod selbst. Ihr Schmerz war so wirklich, dass ich schon glaubte Susie der Bär werde den Bärenkopf abnehmen, um ihr als Mensch ein wenig Ehrerbietung zu erweisen, aber Susie pirschte in strikter Bärenmanier durch Franks Zimmer; sie tappte zur Tür hinaus und überließ es uns mit Lillys Qual fertig zu werden.
Lillys Weltschmerz, wie Frank es schließlich mit dem deutschen Wort bezeichnete. “Wir sind vielleicht gequält”, sagte Frank. “Wir sind betrübt, wir leiden bloß. Aber Lilly”, sagte Frank “Lilly hat den wahren Weltschmerz. Man darf das nicht verwechseln mit ‘Welt-Überdruss’, dozierte Frank, “das wäre viel zu mild für das, was Lilly hat. Lillys Weltschmerz tut richtig weh. Lilly leidet regelrecht an Weltweh.”

“Lillys Buch kommt heraus!”, sagte Franny. “Ehrlich, irgendein Verleger in New York kauft ihr Buch!”

“Es freut mich, dass du Vertrauen zu mir hast”, sagte Lilly, “aber jedes Mal wenn ich den Schluss des Gatsby lese, habe ich meine Zweifel. Es ist dermaßen schön”, dagte Lilly. “Ich finde, wenn ich nie einen so perfekten Schluss schreiben kann, dann ist es sinnlos, ein Buch nur anzufangen. Es ist sinnlos, ein Buch zu schreiben, wenn man nicht daran glaubt, dass es so gut werden könnte wie ‘Der große Gatsby’. Ich meine, es macht nichts, wenn es danebengeht- wenn das fertige Buch nicht irgendwo sehr gut ist-, aber man muss von Anfang an daran glauben, dass es ein sehr gutes Buch werden könnte. Und manchmal wirft mich dieser verdammte Gatsby mit seinem Schluss schon um, bevor ich mit dem Schreiben auch nur anfangen kann.”

Du würdest mich nicht erkennen.
Mein Gesicht ist es, das aufblüht
In den feuchtkalten Spiegeln von Toiletten,
wenn du nach dem Lichtschalter tastest.

Meine Augen haben den Ausdruck
Der kalten Augen von Statuen,
Die zusehen, wie ihre Tauben zurückkehren
Von dem Futter, das du überall verstreut hast.

“Jessas Gott”, wie Franny einmal sagte. “Wer möchte den schon kennen lernen?” Aber Lilly zu kennen war wunderschön – außer vielleicht für sie selbst. Lilly wollte, dass ihre Worte wunderschön waren, aber ihre Worte ließen sie im Stich. [...]
Nun ist also Lilly für uns verloren. Sie war der Kummer, den wir nie ganz verstanden; es gelang uns nie, ihre Masken zu durchschauen. Vielleicht wurde Lilly nie groß genug, dass wie sie hätten sehen können.
Trotzdem war es Frank- nach seinen eigenen Worten- nicht in den Sinn gekommen, “Auf Wiedersehen, Lilly” zu sagen (oder auch zu denken), bis sie ihm ihren kleinen Leichnam gezeigt hatten. Sie hinterließ einen besseren Abschiedsbrief als damals Fehlgeburt. Lilly war nicht verrückt. Sie hinterließ einen ernsthaften Abschiedsbrief:
Tut mir leid,
(stand auf dem Zettel)
einfach nicht groß genug.

Am besten kann ich mich an ihre kleinen Hände erinnern: Wie sie in ihrem Schoß umherhüpften, sobald sie etwas Nachdenkliches sagte – und Lilly war immer nachdenklich. “Zu wenig Lachen in ihr, Mann”, wie Junior Jones einmal sagte. Lillys Hände konnten sich nicht zügeln; sie tanzten zu dem, was sie gerade zu hören glaubte – vielleicht war es die gleiche Musik, zu der Freud seinen Baseballschläger tanzen ließ, das gleiche Lied, das Vater heute hört, wenn der Schläger neben seinen Beinen sich anmutig bewegt.

Der Schluss kann, glaube ich, nie richtig sein.«

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