Archive for the ‘kreatives Schreiben’ Category
Zum Thema Vorüberlegungen für das Schreiben eines Romans, hat die Autorin Kirsten Marohn heute einen sehr langen und interessanten Kommentar hinterlassen.
Ich fand ihn zu gut, um ihn irgendwo in der Versenkung verschwinden zu lassen und habe beschlossen ihn hier als eine Art Gastbeitrag zu posten:
»Bevor man mit dem Schreiben beginnt, sind praktische Dinge von Belang, wie die Frage: Wo will ich schreiben?
Nun kann man antworten: Überall. In Zeiten des tragbaren Laptops ist diese Antwort sicherlich berechtigt,
aber die Antwort ÜBERALL ist Segen und Fluch zugleich. Möchte man an einem Roman ernsthaft arbeiten, tut man gut daran, sich einen dauerhaften Platz zu suchen, der für das Schreiben – und nur für das Scheiben – reserviert ist. Das kann die Wäschekammer, der Dachboden, die Küche oder der Hobbykeller sein – Hauptsache, Körper und Geist haben an diesem Ort das Gefühl, zur Ruhe zu kommen und in die magische Welt der Buchstaben abzutauchen.
Stephen King rät in seinem Buch “Über das Leben und Schreiben”, alle störenden Aspekte wie Telefon, Handy, Internet, Türklingel etc. abzuschalten. Gerade für Schreibanfänger ist es sehr wichtig, sich nicht ablenken zu lassen. Ablenkung, sprich Zerstreuung, ist in der heutigen Zeit DAS große Problem eines Schriftstellers. Was nützen die besten Ideen, wenn man sich nicht konzentrieren kann? Wandern die Gedanken ständig ab oder werden vom Klingeln eines Handys unterbrochen, wird man es nie schaffen, eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen. Und wie will man anderen etwas erzählen, wenn man nicht mal die eigenen Gedanken hören kann?
Man benötigt einen Platz der Rückbesinnung. Heißt das nun, ich muss mir eine Wellnessoase suchen?
Weniger ist oft mehr. Stephen King schrieb seine ersten Romane in einem winzigen Verschlag in seinem Wohnwagen, hinter einer Sperrholztür tobten Frau und Kinder. Die Ausrede “Ich hab aber keinen Platz!” gilt nicht. Will man ein Buch schreiben, muss man sich dieses Plätzchen schaffen.
Wie findet man nun so ein Plätzchen zum Schreiben?
Ein gemütlicher Ort muss nicht unbedingt ein guter Ort sein, genauso andersherum. Auf der Suche nach dem idealen Platz zum Schreiben gelten andere Regeln. In der Küche habe ich viel Licht, kann in den Garten schauen, wunderschön, nur leider gänzlich ungeeignet, um die eigenen Gedanken auf einen Roman zu konzentrieren, wenn alle naslang eine Amsel vorbeifliegt, ein Eichhörnchen zum Fenster hereinschaut – oh, wie süß, wird man sagen, und im Nu ist man wieder aus der Handlung seines Romans katapultiert.
Den speziellen Platz zum Schreiben muss jeder für sich selbst finden. Bei mir ist es das alte Sofa
im Schlafzimmer unter dem Hochbett. Ich mache die Tür hinter mir zu, lasse ein Rollo an der einen Bettseite herunter und befinde mich dadurch quasi in einer Höhle, die nur zu einer Seite offen ist. Nun muss sich nicht jeder so eine Höhle schaffen, aber man sollte in sich hineinhorchen. Wie reagieren Körper und Geist auf meine Umgebung? Kommen die Gedanken hier zur Ruhe, kann ich mich hier auf mein Manuskript konzentrieren? Ständig wechselnde Plätze zum Schreiben sind meiner Erfahrung nicht förderlich, um in die Handlung eines Romans abzutauchen. Man kann seine Konzentration trainieren, indem man sich einen dauerhaften Platz sucht, an dem Körper und Geist zur Ruhe kommen und wissen, hier können die Gedanken des Alltags abschalten und in die Welt der Buchstaben eintauchen. Wählt man das richtige Plätzchen, stellt sich mit der Zeit eine Routine ein: Im Kopf fällt ein Kippschalter um. Indem ich in meinem Schlafzimmer die Tür schließe und das Rollo runterlasse, signalisiere ich mir selbst und meiner Umwelt: “Hier bin ich, um zu schreiben – und wegen nichts anderem.”«
Im Bereich kreative Schreibschule habe ich regelmäßig Grundlagenartikel gepostet, die sich kurz mit den wichtigsten Aspekten der Romanentstehung beschäftigen und einen groben Überblick geben.
Folgende Serie ist dabei entstanden:
Die nächsten Wochen und Monate wird sich die Richtung nun etwas ändern und ich werde detailliertere Artikel verfassen. Folgende Themen werde ich dabei u.a. aufgreifen (nicht chronologisch geordnet):
- Schreiben wie John Irving
- Wozu Groschenromane gut sind
- gute Fachartikel verfassen (eine Leserin machte mich darauf aufmerksam)
- Die Kurzgeschichte
- Wie ein guter Krimi entsteht
- Lyrisches entwickeln
- Schreibübungen
- Grammatikalisches
- Methoden zur Ideenentwicklung
Die Ideen sind vorhanden, Charaktere ausgearbeitet, ein Plot entwickelt, aber man bringt einfach nichts zu Papier. Die meiste Zeit über traut man sich überhaupt gar nicht und verschiebt die Arbeit stets auf den nächsten Tag.Hat man doch etwas schreiben können, wird man spätestens dann, wenn man den Entwurf das erste Mal durchliest total entmutigt und hält sich für einen Loser.
Geht es dir nicht auch so?
Aber Schreiben wird nicht umsonst auch als Handwerk bezeichnet und nicht nur als Kunst.Ohne harte Arbeit, grobes Hobeln und dem anschließenden Feinschliff wird kein Meisterwerk entstehen können, egal mit wie viel Talent wir gesegnet sind.Also habt keine Angst vor dem weißen Blatt- schreibt einfach munter drauf los; mag es auch übel klingen.Schüttelt die Schultern, atmet tief durch und lasst es fließen.
In der heutigen Lektion zeige ich euch, wie ihr euch danach an den stilistischen Feinschliff wagen könnt. Sozusagen selbst Lektor spielen, bevor man einen professionellen Lektor engagiert.
Zuvor noch einige Dinge:
- Nicht an Papier sparen! Druckt das Manukript nicht so aus, wie es ist, sondern unterteilt es in viele kleine Abschnitte. Das erhöht die Übersichtlichkeit und die Motivation.
- Legt euch verschiedene, farbige Stifte zurecht!
- Nehmt euch jeden der folgenden Punkte einzeln und nacheinander vor. Alles auf einmal sehen zu wollen ist kontraproduktiv.
An die Arbeit!

Wann immer du eine Szene beginnst: Schau, ob der Anfang wirklich nötig ist, oder ob der Text nicht an Spannung gewinnt, wenn man gleich zum Punkt kommt.Das gilt für die Beschreibung der Umgebung (damit kann man die Spannung in die Länge ziehen – aber ohne, dass überhaupt etwas passiert ist oder ein Geschehen angedeutet wird, wird der Leser keine Geduld aufbringen), genauso wie eine zu detallierte Beschreibung der Gegebenheiten, welche die Handlung nicht vorantreibt.

Weniger ist mehr! Das gilt auch beim Schreiben. Gewinnt der Text wirklich, wenn man ihn wahllos mit Adjetiven zupackt? Ist es wirklich von Bedeutung, ob die Vase blau oder der Raum groß ist? Geht der Leser nicht automatisch von frischen Blumen aus, wenn sie duften?
- Ich sage, du sagst, er sagt …

Wenn es ersichtlich ist, wer gerade spricht, muss man es nicht zusätzlich erwähnen. Das wirkt oftmals steif. Wenn klar ist, dass sich nur Peter und Maria im Raum befinden, dann braucht man auch nicht nach jeder Aussage ihre Namen dahinter zu setzen. Markiert alles, was nicht unbedingt sein muss mit einer doppelten Linie. In diesem Fall ist das erste “sagte er” ist jedoch akzeptabel, um eindeutig zu zeigen, wer den Dialog beginnt.Bei längeren Gesprächen oder mehreren Personen ist jedoch sinnvoll öfter darauf hinzuweisen, wer gerade an der Reihe ist, um den Leser nicht zu verwirren.
- Sozusagen ist das vielleicht etwas nervig

Zeigt mir einen Text, der ohne diese Füllwörter nicht glatter, eleganter, aussagestarker und besser lesbarer wirkt.Beim ersten Entwurf braucht ihr nicht darauf achten, das hemmt nur die Kreativität. Beim Korrekturlesen achtet dann auf Wörter wie: Eventuell, womöglich, offenbar usw. und rahmt sie ein.

Lange Sätze gehen garnicht; sie schränken die Lesbarkeit ungemein ein und nerven den Leser. Intelligent wirkt der, der durch nachvollziehbare Gedanken glänzt und nicht durch verstrickte Satzkonstrukte. Halten wir uns an das Motto: “So kompliziert wie unbedingt nötig, so einfach wie möglich” und markieren Endlossätze mit zwei Pünktchen.

Ein Roman schreiben bedeutet nicht nur “sprechen”, sondern in erster Linie auch “zeigen” und “beschreiben”. Zu lange Dialoge wirken einseitig und uninteressant. Markiert sie mit einem “L” und schaut später, ob man sie nicht ganz einfach kürzen kann, sie aufsplittet, oder sogar beides.Der Beispieltext könnte durchaus interessant wirken, wenn die Ausgangsfrage gestellt wird, ein innerer Monolog mit Beschreibung des Gesichtsausdrucks folgt und die zweite Person anschließend antwortet oder eine Gegenfrage stellt.
- Nicht ständig wiederholen!

Wenn es nicht gerade eine kunstvolle Stilform darstellen soll, die den Text an einer Stelle besonders betont, ist es nicht sinnvoll gleichartige Satzkonstruktionen hintereinander folgen zu lassen. Immerhin wollen wir spannend erzählen, alle Sinne ansprechen und keine Fakten wiedergeben.Markiert solche “Schnitzer” mit einer Wellenlinie.

Aber bei allem korrigieren achtet auch darauf, dass ihr Schmuckstückchen entdeckt.
Nicht alles, was man spontan auf’s Papier bringt, muss überarbeitet werden. Es passiert durchaus, dass Worte aus einem fließen und genauso so passen, wie sie sind. Sie bringen das rüber, was du rüberbringen willst und gefallen dir auch noch nach dem dritten Mal durchlesen.Markiere sie mit einem Häkchen. Wenn du das Manuskript nach einigen Tagen nochmal hervorholst (es ist wichtig die ganze Sache einmal sacken zu lassen, bevor man sich an die Arbeit macht) und dir die Stellen noch immer gefallen, dann kannst du sie ohne Überarbeitung mit in den neuen Entwurf eingliedern.
Für weitere Schreibertipps habe ich eine Extrakategorie in meinem Buchshop erstellt. Schaut doch mal vorbei: Klick mich!
Besonders empfehlen kann ich Julia Camerons “Von der Kunst des Schreibens” und die Schreibtips von Raymond Carver.
Von vielen so genannten Schreibexperten wird behauptet, dass die Wahl der Erzählerperspektive entscheidenden Einfluss auf die Wirkung des
Romans hat.
Zwar habe ich persönlich noch nie gedacht: „Oh, hier hätte der Autor mal lieber eine andere Sichtweise wählen sollen“, aber es scheint mir durchaus einleuchtend, dass es für die Darstellung der Personen- je nach Konzeption der Charakteristika und der Rolle im Buch- die eine Perspektive günstiger ist, als die andere.
Folgende Formen gibt es:
- 1) Der allwissende Ich- Erzähler
Der Erzähler stellt die Handlung aus seiner und aus allen anderen Perspektiven dar. Er weiß, was jeder denkt und zu jeder Zeit tut.
In vielen Fällen zeigt sich der Erzähler nicht oder nimmt nur eine Randposition der Geschichte ein.
- 2) Der klassische Ich- Erzähler
Die Geschichte wird genau so erzählt, wie die Charaktere sie wahrnehmen.
Sie ist sehr geeignet, um das Innenleben und die Gedanken der jeweiligen Person wider zu geben.
Da sie für äußere Beobachtungen nicht objektiv genug ist, kommt es häufig vor, dass der Autor mehrere verschiedene Personen sprechen lässt.
- 3) Der Erzähler in der dritten Person
Er gibt sich nicht zu erkennen und berichtet aus einer anonymen Perspektive über „er, sie und es.“ Es ist die Form, die heute am meisten verwendet wird.
Ich stelle sie mir auch am einfachsten vor: man kann mit der metaphorischen Kamera hin- und herschwenken, durch Raum und Zeit wandern und braucht auf niemanden Rücksicht zu nehmen.
Da der Erzähler sich nicht zu erkennen gibt, können im Zusammenhang mit seinem Wissen auch keine oder kaum Logikfehler entstehen.
Natürlich lassen sich zwei oder manchmal auch alle drei Formen miteinander verbinden. Gekonnt angewandt machen sie einen Roman interessant und lebendig.
Sofern man sich für den Erzähler der dritten Person entscheidet, bietet es sich sogar an Gedanken und Gefühle mittels innerer Monologe in Ich-Form wider zu geben.
Viele Ratgeber behaupten man solle sich von Anfang an auf eine Perspektive festlegen. Ich persönlich finde es jedoch interessant und auflockernd, wenn man zwischen den Szenen oder Kapiteln mal den Blickwinkel ändert.
Besonders toll wird diese Gestaltungsmöglichkeit in vielen Krimibüchern von Tess Gerritsen verwendet. Eindrucksvoll schwenkt sie zwischen den verschiedenen Personen hin und her, zeichnet mit ihren Gedanken in der Ich- Perspektive oder mit den langen, inneren Monologen von Tätern ein eindrucksvolles, psychologisches und authentisches Profil.
Wichtig ist jedoch, dass man darauf achtet, dass alles stimmig ist.
Im Zweifel gilt weniger ist mehr, um den Leser nicht unnötig zu verwirren.
Bisher haben wir uns mit dem Plot und den Charakteren beschäftigt. Allein das macht aber noch keinen spannenden Roman aus. Egal wie originell und umfangreich die Handlung auch sein mag oder wie sorgfältig die Hauptfiguren ausgearbeitet worden sind; das alles würde nur langweilig dahinplätschern, wenn es eines nicht geben würde: Den Konflikt.
Wen interessiert es schon, dass Familie x in den Urlaub fährt, dort eine Menge erlebt und wirklich glücklich ist? Wer möchte wissen, wie der harmonische Alltag eines jungen Liebespaars aussieht?
Damit kann man seinen Leser vielleicht die ersten 5 Seiten unterhalten, aber dann möchte er sehen, dass etwas passiert, dass sich die Handlung entwickelt.
Am einfachsten (und bei den einfachsten Möglichkeiten wollen für in den ersten Lektionen auch verbleiben) funktioniert das mit einem so genannten Schmelztiegel.
Der Protagonist ist abhängig vom Antagonisten oder andersrum- und deren jeweiligen Interessen verlaufen in entgegen gesetzte Richtungen.
Der Schmelztiegel verhindert, dass sich die Personen einfach voneinander lösen können, um sich unabhängig zu entwickeln. Er hält sie fest zusammen und sorgt somit dafür, dass man sich über kurz oder lang den Tatsachen stellen muss und einen Kampf führt, aus dem nur einer als Gewinner hervortreten kann.
Einfaches Beispiel: Der Ehemann träumt davon mit seiner Familie nach Spanien auszuwandern und dort ein neues Leben zu beginnen. Die Ehefrau möchte sich jedoch nicht von ihren Freunden in Deutschland trennen. Der Schmelztiegel in diesem Fall ist die Ehe, die beide fortführen wollen. Die Geschichte rund um diesen Konflikt und deren Auflösung mag vielleicht nicht die spannendste sein, aber sie hat durchaus mehr Pfeffer als eine normale Alltagsbeschreibung.
- Keine zu großen Überraschungen
Das interessanteste an einem Konflikt ist zumeist der Höhepunkt- der Moment an welchem alles aufgelöst wird.
Richtig gute Filme oder Bücher halten für diesen Zeitpunkt oft eine Überraschung bereit- eine Wendung, mit dem der Leser nicht gerechnet hat.
Denken wir nur an Romeo und Julia: In dem Moment, in dem sie sich dazu entschlossen hat ihre familiären Bindungen aufzugeben und einem Happy End nichts mehr im Wege steht, müssen beide sterben.
Oder viele Horrorfilme: An der Stelle, an welchem der Spuk aufgelöst wird, wird man noch einmal überrascht, indem der Mörder die Person darstellt, mit welcher man niemals gerechnet hat.
Aber Vorsicht! Diese Überraschungen müssen trotz allem stimmig gestaltet sein und an einem roten Faden hängen. Niemand wird es euch abnehmen, dass die graue Maus von einem Tag auf den anderen zum Supervamp wird.
Natürlich kann ein Antiheld zum Helden werden, aber er muss eine Entwicklung durchlaufen haben. Die Konfrontation mit seinem Gegner muss gedanklich schon durchgespielt worden sein, er sollte sich schon an einem kleineren Hindernis versucht haben. Der Leser wird sich sonst gründlich vereimert fühlen und das Buch genervt zuklappen.
Natürlich ist jeder Roman Fiktion. Aber man sollte sich an das halten, was sich der Ottonormalverbraucher als möglich oder real vorstellen kann.
Nehmt euch am besten eure beiden Hauptpersonen und versucht beide in einem Schmelztiegel zu stecken.
Sind es die besten Freundinnen? Der Polizist und der Kriminelle? Oder zwei konkurrierende Sportler?
In meinem Fall wird es die Mutter sein, welche die Gesellschaft darstellt- und Lindie, die dieser Gesellschaft nicht entfliehen kann und gleichermaßen, aufgrund von Geldmangel, auch nicht der Obhut ihrer Mutter.
In manchen Fällen ist es interessanter erst einen Plot zu gestalten und dann detaillierte Konflikte mit einzubauen. In anderen wiederum macht es mehr Sinn erst einen Konflikt auszuwählen, diesen zu zentralisieren und drum herum eine Geschichte zu gestalten.
Probiert aus, was euch leichter fällt! Wie gesagt, wirkliche Regeln gibt es nicht.
Ist
der Plot erst einmal grob entwickelt, kann man dazu übergehen seinen Charakteren Leben einzuflößen.
Natürlich kann am auch erst eine Figur entwickeln und sich dann überlegen, was diese tun soll; das ist gleichgültig. Beim Schreiben gibt es keine festen Regeln. Eigentlich gibt es überhaupt keine. Ich zeige lediglich einen Weg, den man gehen könnte.
Es ist unerlässlich, dass ein Roman über interessante Charaktere verfügt. Der Plot kann noch so brilliant sein; wenn die Personen flach, stereotypisch und eintönig erscheinen, dann ist man nicht glaubhaft; dann hat der Leser keine Lust zu erfahren, was als nächstes passiert.
Ihr müsst also unbedingt darauf achten, dass die Hauptfigur viele Facetten hat und nicht abgekupfert ist. Wir brauchen keine zweite Pretty Woman – weil jeder die echte kennt und unsere Figur mit ihr vergleichen wird.
Wir brauchen auch nicht den x-ten Helden, der erst unscheinbar ist und dann eine brisante Entwicklung in Richtung Superman durchmacht. Das ist zwar spannend, aber meiner Meinung nach ausgelutscht. Das müsst ihr selbst entscheiden!
Wichtig ist, dass der Leser euren Protagonisten- also den Hauptcharakter – mag. Es muss nicht sein, dass er von Anfang bis Ende einen Publikumsliebling darstellt … aber zumindest in dem Augenblick, in dem der Leser auf der letzten Seite angekommen ist und das Buch zuklappt, muss er das Gefühl haben, dass er mit der Figur im Großen und Ganzen sympathisiert.
Schreibt ihr über eine fiese Zicke, die überall aneckt und am Ende dafür die gerechte Strafe bekommt, dann habt ihr zwar eine nette Moral mit eingebaut – das Buch wird aber kaum jemand für besonders gut halten, da sich nur wenige mit einer blöden Kuh identifizieren wollen.
Schafft keine Heiligen und keine Unmenschen, sondern seid vielfältig. Zeigt Abgründe einer Person und zeigt das Menschliche und Verletzliche – damit liegt man im Zweifelsfall nie verkehrt.
Ein gelungenes Beispiel für eine wirklich interessante Hauptfigur ist Kriminalpolizistin Jane Rizzoli in Tess Gerritsens „Die Chirurgin“. Sie ist weiblich und soll dem Leser sympathisch sein – dennoch wird sie als unattraktiv, unfreundlich, hart, störrisch und feministisch beschrieben.
Im Laufe des Romans erhält der Leser immer tiefere Einblicke in ihr Innenleben, man zeigt ihre Vergangenheit zwischen Brüdern in einer konservativen Familie, die sie nie als etwas Besonderes wahrgenommen hat, weil sie weiblich ist.
Es wird dargestellt, wie sie darunter leidet, dass ihre männlichen Kollegen sich ständig über sie lustig machen und sie mit dummen Sprüchen aufziehen. Und man erfährt, dass sie eifersüchtig ist auf Frauen, an denen alles stimmt – die jeden Mann beeindrucken können, während bei ihr nicht einmal Make-up hilft.
Zu guter letzt avonciert sie dann zur Heldin, indem sie den Täter findet. Jedoch keine typische Heldin, da sie kurz zuvor einen Kriminellen erschossen hat, obwohl dieser mit gehobenen Armen auf sie zukam. Der Leser schwankt also.
Mag ich die Person? Mag ich sie nicht? Er fragt sich warum Jane so ist wie sie ist; möchte wissen, was sie zu dieser Person gemacht hat – warum sie nicht perfekt ist.
Am Ende steht sie aber auf der Seite der Guten und der Leser kann gar nicht anders als das Buch zuklappen und denken „Naja, schon irgendwie ne ‚Taffe’ die Rizzoli.“
Ein schlechtes Beispiel für Hauptcharaktere sind die meisten Hollywoodstreifen. Auch hier gibt es Ausnahmen, wenn wir z.B. an den Film ‚Philadelphia’ oder ‚A beautiful mind’ denken. Meiner Meinung nach ist das aber nicht die Regel.
Man muss immer bedenken, dass in Filmen viele special effects verwendet werden, schnelle Szenenwechsel und dramatische Musik. Das steht einem für den Roman nicht zur Verfügung. Sind die Figuren also langweilig und kann man sich nicht mit Ihnen identifizieren, dann lässt sich das auch nicht mit einem flotten Song oder einer Augenkrebs- verursachenden Kampfszene vertuschen.
Im Gegensatz zum Protagonisten, kann der Antagonist – das ist eine entsprechende Kontrastperson, mit welcher der Hauptcharakter im Laufe des Buches in einen Konflikt geraten soll – aussehen, wie immer ihr ihn haben wollt.
Zwar gewinnt ein Buch an Tiefe, wenn ihr auch dieser Person einen mehrdimensionalen Charakter verleiht; die eigentliche Hauptaufgabe ist es aber nur jemanden zu schaffen, der nicht ist, wie die Hauptperson. Dessen eigenen Interessen dem des Protagonisten entgegenwirken.
Hier würde sich die fiese Zicke wirklich gut machen, die sich dem Ottonormalverbraucher ständig in den Weg stellt. (so was kennt man besonders gut aus Teenie- Komödien und Liebesschnulzen)
Die meisten Nebenfiguren können- und sollten sogar ganz eindimensional sein. Sie brauchen keinen Facettenreichtum. Das würde den Leser vom Wesentlichen ablenken.
Wen interessiert es schon, ob der Postbote eine schwere Kindheit hatte, wenn er im Buch wirklich nur die Post bringen soll?
Als Faustregel merken wir uns einfach: Je größer die Rolle im Buch, desto ausführlicher muss die Charakterbeschreibung (und natürlich auch die des Äußeren) erfolgen.
Soll ein Arzt einen anderen Zweck erfüllen, als nur medizinische Dienstleistungen zu erbringen- etwa sich mit dem Patienten anfreunden oder Polizisten bei der Ermittlungsarbeit helfen, dann möchte der Leser auch sicher etwas über die Figur erfahren.
Wird der Protagonist aber gerade operiert und im Wartezimmer sitzt seine verzweifelte Freundin, die ihn den nächsten Tag heiraten wollte, dann geht es nicht um den Arzt. Dann ist seine Aufgabe bestenfalls eine Sprechrolle á la: „Frau Schulz, die OP ist soweit gut verlaufen. Genaueres lässt sich noch nicht sagen. Warten wir die Nacht ab.“
An dieser Stelle möchte jeder wissen, wie es mit dem Pärchen weiter geht- wie sich die Frau fühlt; wie sie mit ihrer Verzweiflung umgehen wird. Dass der Arzt am Abend mit einer attraktiven Blondine verabredet ist, geht dem Leser wahrscheinlich am Popo vorbei.
Womit wir uns heute beschäftigen werden ist die Frage:
Wie finde ich den Anfang, um meinen Roman schreiben zu können?
Die Antwort ist natürlich nicht einfach, da es keine festen Regeln gibt und weil jeder eine unterschiedliche Ausgangssituation hat.
Während Person A gerade einen interessanten Einfall hat, hat Person B den kompletten Verlauf schon schemenhaft skizziert; Person C jedoch nicht die leiseste Ahnung, worum es auch nur ansatzweise in seinem Buch gehen soll.
Gehen wir davon aus, dass wir alle Person C sind.
Die erste frage, die wir uns stellen müssen, ist folgende:
- Welchem Genre soll mein Buch entsprechen?
Die Faustregel hierfür ist: das, was du am liebsten ließt, stellt höchstwahrscheinlich auch die Thematik dar, über welche du am besten schreiben könntest.
Du musst dir vorher bewusst sein, in welche Richtung du gehen möchtest. Natürlich kannst du auch bestimmte Gattungen miteinander vermischen; zu experimentelle Romane haben jedoch geringere Chancen verlegt zu werden. Das altbekannte Motto: „Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht“ gilt auch hier.
Denk dabei nur einmal an dich selbst. Wärst du nicht auch enttäuscht, wenn du dir einen schmächtigen Liebesroman kaufst, einfach zum abschalten und entspannen, und in diesem dann mit psychischen Problemen und gesellschaftskritischen Aspekten bombardiert wirst? Oder wenn du dir einen Horror-Roman besorgst, in welchem ein Familiendrama im Vordergrund steht- würdest du dich dann nicht auch verarscht fühlen?
Folgende Genres sind die bekanntesten:
- Abenteuerroman (selbsterklärend)
- Bildungsroman (der Held lernt und bildet sich)
- Heimatroman (vielfältige Naturbeschreibungen, die Liebe zur Heimat)
- Kriminalroman (Aufklärung eines Verbrechens)
- Liebesroman (der Konflikt zwischen ihm und ihr)
- Gesellschaftsroman (Wechselwirkung Mensch – Umgebung)
- Entwicklungsroman (Konzentration auf Psyche des Protagonisten)
- Science-Fiction-Roman (Handlungen in der Zukunft)
- Fantasy- Roman (märchenhaftes)
- Historischer Roman (vergangene Zeit steht neben der eigentlichen Handlung im Vordergrund und wird ausführlich beschrieben)
Wenn ihr damit noch keine spannende Abgrenzung für eure Geschichte finden könnt, dann googelt ein wenig weiter. Es gibt noch viele andere Bereiche- Wildwestromane, Staatsromane, Erotikromane usw.
Ein Plot ist nichts weiter als die Handlung.
Ich empfehle hier dem guten alten Aristoteles treu zu bleiben, der behauptet, dass eine gute Erzählung einen Anfang, eine Mitte und einen Schluss haben muss.
Ja, das hört sich durchaus simpel an und wird für viele als selbstverständlich angesehen. Das ist es aber nicht. Natürlich fängt jedes Buch irgendwo an und hört auch wieder auf – aber in vielen Fällen sind die drei Teile nicht voneinander zu unterscheiden.
Manch einer springt sofort in das Geschehen, sodass der Leser gleich von Anfang an gefordert ist- wobei die Gefahr besteht, dass er das Buch lustlos zur Seite legt … während andere den Schluss ungünstig auswählen, sodass die Geschichte an einer Stelle abrupt abbricht, an welcher man nicht das Gefühl hat, dass sie fertig erzählt ist.
Kennt ihr nicht auch die Kino-Erlebnisse, bei welchen ihr die gesamte Zeit über das Gefühl hattet einen grandiosen Film zu sehen … dann kam das Ende und ihr habt nur noch gedacht: „Uh. Toll! Scheiß Film!“?
Wenn das Ende also nicht gut gewählt und eingeleitet wird, dann hinterlässt das ganze Buch einen schlechten Eindruck; egal wie gut die anderen Teile sein mögen.
Zudem meint Aristoteles, dass eine spannende Handlung einen Umschwung, die so genannte Peripetie braucht. Euren Höhepunkt könnt ihr also so gestalten, dass das eintrifft, was der Leser nicht erwartet.
Angenommen ihr schreibt ein Buch über einen glücklosen, jungen Bettler. Dieser wird am Ende natürlich sein Glück finden.
Die Liebenden, die sich die ganze Zeit gesucht haben, werden sich am Ende in den Armen halten. Die erfolgreichen Schurken bekommen das was sie verdient haben und werden geschnappt. Ein Antiheld wird zum Helden, der Unscheinbare erstrahlt im neuesten Glanz.
Wie ätzend wäre es auch, wenn Julia Roberts in Pretty Woman am Ende wieder auf dem Straßenstrich stehen würde? Oder wenn Baby in Dirty Dancing die kleine, liebe Tochter geblieben wäre … die zwar intelligent ist, aber kein bisschen Pfeffer im Arsch hat.
All die Actionfilme- wären sie wirklich interessant, wenn eine auswegslose Situation dann am Ende auch wirklich aussichtslos bleibt?
Nein!
- Woher nehme ich die Ideen für meinen Plot?
Da gibt es verschiedene Ansätze. Vielleicht lässt du deine Figur das erleben, was du dir für dich selbst wünschst oder gewünscht hast?
Oder du hast einmal einen krassen Traum gehabt, den du bis heute nicht vergessen hast. Vielleicht inspiriert dich eine bestimmte Person auch dazu, dass du sie als Grundlage nimmst und eine Umgebung für sie entwirfst.
Es können Fetzen aus verschiedenen Büchern und Filmen sein, alte Erzählungen, bestimmtes Hörensagen – ganz egal.
Man könnte also so vorgehen:
Ich möchte einen Liebesroman schreiben. Meine Cousine hat ihren Freund im Alter von 12 Jahren kennen gelernt, hat sich auf den ersten Blick verliebt und seither um ihn gekämpft. Sie sind heute noch zusammen, verlobt und haben einen kleinen Sohn.
Das ist meine Grundlage. Davon ausgehend entwerfe ich eine grobe Zusammenfassung für meine Handlung:
Weiblicher Protagonist glaubt an Liebe ihres Lebens. Männliche Person erkennt das nicht, hat viele Freundinnen, tut ihr weh. Immer dann, wenn es für die beiden gut aussieht, wendet er sich wieder von ihr ab. Viele Tränen. Im dramatischsten Moment wendet sich das Blatt: Happy End.
Den Plot für meinen Roman habe ich mit Hilfe von Lindie entworfen. Die Zusammenfassung sieht folgender Maßen aus:
Entwicklungsroman. Junges Mädchen mit Interesse für Musik und Poesie und für die kleinen Dinge des Lebens fühlt sich von der Welt verlassen. Sie lernt einen Mann kennen, der sie schrittweise zurück ins Leben führt. Alles sieht gut aus- aber: kein Happy End.
Richtig, diese kurzen Erläuterungen verraten noch nicht viel. Aber weiter muss eure Idee noch gar nicht gehen.
Habt ihr einen solchen groben Plot entwickelt, dann verfügt ihr über eine ideale Arbeitsgrundlage für die nächsten Schritte: für die Frage, wie ihr Spannung in euer Werk einbauen könnt, wie ihr an Details feilt, wie ihr alles dafür vorbereitet um mit dem ersten Kapitel beginnen zu können.
Also legen wir los. Ab jetzt werde ich euch wöchentlich Techniken, Informationen und Tipps rund um das Schreiben liefern. Hauptsächlich beziehe ich mich auf Romane, da ich selbst und ich hoffe ihr auch, Romanautor werden möchte.
Hin und wieder gibt es aber auch kleine Einschübe für das Schreiben von Gedichten, Werbetexte, Artikel o.ä.
Also, schnappt euch ein Notizheft und einen Stift und habt Spaß!
- Kann jeder einen Roman schreiben?
Ja!
Gut, nicht jeder kann schreiben wie Stephen King oder Leo Tolstoi. Es kann auch nicht jeder dichten wie Sylvia Plath oder aussehen wie Heidi Klum.
Aber heißt das denn automatisch, dass andere Gedichte schlecht sind und alle anderen Frauen hässlich?
Natürlich nicht! Deine Ansprüche sollten ausschließlich darin bestehen das Beste aus dir selbst herauszuholen – ohne demotivierende Vergleiche. Letzteres sorgt nur dafür, dass du anfängst zu kopieren. Und das Schreiben, dass nicht aus dir selbst kommt, kein kreativer und streng durchdachter Akt der Selbstfindung ist und nichts über dich preisgibt, bringt schlechte und langweilige Texte hervor; Texte die nicht spritzig genug wirken, ohne dass man genau sagen kann, woran es liegt.
- Und wenn ich kein Talent habe?
Du brauchst kein Talent, sondern nur einen starken Willen.
Wer kommt schon auf die Welt, setzt sich vor dem Laptop und schreibt einen Bestseller? Keinem ist die Beherrschung guter Schreibtechniken angeboren und niemandem werden sinnliche und ergreifende Worte aus heiterem Himmel in den Mund gelegt. Natürlich haben einige Menschen eher feine Antennen und eine gute Beobachtungsgabe, aber solange du es nur stark genug willst, kannst du alles lernen.
Voraussetzungen dafür ist ein gewisses Maß an Ernsthaftigkeit:
„Ach, ich schreibe mal so einen Roman“ – das ist die falsche Einstellung. Es geht nicht einfach „mal so“. Du musst dir im Klaren sein, dass es harte Arbeit ist, die du zu erledigen hast und kein Hobby, was zwischen Windeln wechseln und in die Disco gehen betrieben wird. Natürlich soll Schreiben Spaß machen, keine Frage. Aber sofern du nicht bereit bist viel deiner Zeit zu investieren, wirst du irgendwann an einem Punkt kommen, an welchem du mit dem Schreiben nicht weiterkommst, da du nicht genug Raum für Gedanken hast.
Bei den meisten Hobbyschreibern verwerfen sich die Ideen nach einigen Wochen und man widmet sich wieder anderen Dingen, mit der Ausrede: „Ich bin nicht gut genug dafür.“
Ausdauer, viel Energie und ein starker Wille muss unbedingt vorhanden sein.
Du musst bereit sein früher aufzustehen, wenn dein Tag mit Terminen verbaut ist, das gemütliche Leben hinten anzustellen und dir den Hintern auf deinem Stuhl platt zu drücken – Stunde, um Stunde.
Vielleicht funktioniert es auch anders. Die Frage ist nur: Warum schaffen es nicht einmal 10% derer, die seit Jahren predigen ein Buch schreiben zu wollen, dies auch zu tun?
Am besten gehst du erst einmal in den Buchladen und schnappst dir wahllos einige Schinken aus den Regalen.
Wenn du nicht genug Geld dafür hast, dann schaue, ob du günstige Exemplare bei Ebay ersteigern kannst, oder frage Bekannte, ob sie dir etwas leihen. (Bibliotheken sind auch immer eine gute Anlaufstelle)
Denn Grundregel Nummer 1 ist: Willst du ein Gefühl für die Sprache bekommen, musst du lesen, lesen und nochmals lesen.
Es ist nicht wichtig was, nur bunt gemischt sollte es sein, damit du einen Eindruck aus einer möglichst großen Palette erhälst.
Schreibe dir Passagen heraus, die dir besonders gut gefallen, achte darauf, wie die Autoren ihre Kapitel ein- oder ausleiten, wie sie die Dialoge gestalten oder wie viel Aufmerksamkeit sie den einzelnen Charakteren widmen.
Lese nicht nur aus Vergnügen, sondern analysiere die Texte.
Gut wäre es, wenn du dein Heftchen ab jetzt immer mit dir herum trägst, um spontane Einfälle sofort zu notieren. Damit schulst du deine Auffassungsgabe, übst dich im Schreiben selbst und sammelst Material, welches dir später für dein Buch zugute kommen kann.
Es muss nicht gut sein, was du da zu Papier bringst. Ganz gleich wie dämlich es sich anhört, es bekommt ja doch niemand zu Gesicht, wenn du es nicht möchtest, oder? Notiere dir einfach das was du siehst, was du spürst, riechst, was du hörst – oder auch alles zusammen.
Vor einiger Zeit, es muss irgendwann im Sommer vor zwei Jahren gewesen sein, habe ich mich ausgesperrt. Den Ersatzschlüssel hatte mein Cousin, der eigentlich in der gleichen Stadt lebt; wie der Zufall es so wollte, aber genau zu diesem Zeitpunkt zu Besuch bei seinen Eltern war, die rund 100km entfernt leben. Mir blieb also nichts weiter übrig- ich musste dorthin. Die Laune war am Boden als ich den vollen Zug betrat und realisierte, dass ich aufgrund meiner Blödheit einen ganzen Tag verschenken würde.
Bei der Rückfahrt passierte aber etwas Unerwartetes. Der schwarze Himmel war sternenklar, die Grillen zirpten laut, die warme Sommerluft wehte durch ein Fenster hinein und spielte mit meinen Haaren und ich fühlte mich gut. Auf einen Schlag war ich so glücklich und zufrieden, ganz ohne einen bestimmten Grund zu haben.
Ich suchte also verzweifelt nach einem Stück Papier und einem Stift; fand aber nur einen alten Kontoauszug und musste mir den Kugelschreiber leihen.
Folgende Gedanken wollten aus meinem Kopf heraushüpfen:
Manchmal ist das Glück in einer solchen Intensität gegenwärtig, dass man meint die Situation müsste explodieren, damit sie sich entlädt und greifbar wird.
Geschlossene Augen; Vorfreude vermischt mit Fernweh, Freiheitsgefühlen und der zärtlichen Wiege der Stagnation aktueller Gegebenheiten mit Erinnerungen der Vergangenheit.
Das pure Leben. Das pure Glück.
Seither habe ich immer ein kleines Notizheft dabei. (welches, das werde ich euch morgen zeigen) Man weiß nie wo die Einfälle zuschlagen und ob man Stunden später noch genauso empfindet oder in die Lage ist die Gefühle und Gedanken zu rekonstruieren.
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