Archive for the ‘John Irving’ Category

Irving spricht über neuen Roman – Video

Posted on 2009 08, 18 by Lilly

Seit kurzem gibt es eine offizielle Homepage von John Irving.
Er gibt uns dort einen kleien Einblick in seinen neuen Roman Last Night in Twisted River, einer Vater-Sohn Geschichte, die am 27.Oktober erscheint.

Ein Freund hat mich auf dieses tolle Video aufmerksam gemacht, in dem er über diverse Aspekte aus dem Buch spricht; fast schon eine Art Buchtrailer. Enjoy!

Garp und wie er die Welt sah

Posted on 2008 05, 07 by Lilly

Jenny hatte, was ihr Schreiben anging, einen noch schnelleren Gang eingelegt.

Sie hatte den Satz gefunden, der seit der Nacht, in der sie mit Garp und Charlotte über die Lust diskutierte, in ihr gebrodelt hatte: es war übrigens ein alter Satz aus ihrem längst vergangenen Leben, und es war ein Satz, mit dem sie das Buch, das sie berühmt machen sollte, wirklich begann.
„In dieser Welt mit ihrer schmutzigen Phantasie“, schrieb Jenny, „ist man entweder jemandes Frau oder jemandes Hure- oder auf dem besten Weg das eine oder das andere zu werden.“
Der Satz gab dem Buch einen Ton, der ihm bisher gefehlt hatte; Jenny entdeckte, dass ihre Autobiographie, wenn sie mit diesem Satz begann, eine Aura erhielt, die die nicht zusammenpassenden Teile ihrer Lebensgeschichte plötzlich verband- so wie Nebel eine ungleichmäßige Landschaft einhüllt, so wie Hitze durch ein weitläufiges Haus in jedes Zimmer dringt. Jener Satz inspirierte andere, die ihm ähnelten, und Jenny webte sie, wie sie einen hellen, alles verbindenden Faden von leuchtender Farbe durch eine wuchernde Tapisserie ohne erkennbares Muster hätte weben können.

Ein Ausschnitt vom Anfang des 6. Kapitels.
Ein sprachliches Kunstwerk, wie ich finde. Wie kann man es schaffen, in einem einzigen Satz Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit zusammenzuknüpfen, ohne dass es künstlich oder albern erscheint? Irving schafft es. („hatte den Satz gefunden“ – Gegenwart, „seit der Nacht, in der sie mit …“ – Vergangenheit, „das sie berühmt machen sollte“- Zukunft)
Es ist einfach brilliant, wie er seine Bücher mit den verschiedensten Perspektiven und Zeiten bereichert und dabei immer den Faden findet, den Jenny sich für ihr Werk so hart erarbeitet hat.
Es sind nicht wirklich seine Geschichten, die mich an ihn so faszinieren. Es ist die Art und Weise wie er schreibt. Die wunderschönen Metaphern, die scheinbar nur zufällig hineingestolpert sind. Es sind leise Metaphern, kaum auffallend zwischen den vielen Absurditäten und dem Versuch unsentimental zu schreiben.

Was ich von seiner Phantasie und dem Inhalt seiner Bücher halten soll, weiß ich nicht genau. Vieles stößt mich ab. Besonders die sexuellen Aspekte finde ich sehr grotesk und widerlich. War es in Hotel New Hampshire hauptsächlich die Beziehung zwischen Bruder und Schwester, ist es in „Garp und wie er die Welt sah“ die Lust. Die Lust, die Männer Jenny entgegen bringen, die ersten sexuellen Erfahrungen, die Garp sammelt, seine Beziehungen zu den Nutten, das Fremdgehen, das Vergewaltigen von jungen Mädchen usw.
„Aber am Ende verfallen sie alle der Lust“, wie Jenny sagte
Dazu kommt die Beschreibung von der Valentine- Behandlung: das Ausspülen des männlichen Geschlechtsteils bei einer Geschlechtskrankheit. Oder Frauenduschen als Verhütungsmittel. Wer will so etwas wissen? Inwiefern bringt das die Geschichte voran?
Ich fand es zwar faszinierend, dass ein nach einem Unfall geistig behinderter Soldat an der Brust von Jenny saugte und sich dabei selbst befriedigte – und sie dabei auf den Gedanken kam, dass sie sich von ihm ein Kind machen lassen kann, aber als schöngeistige Prosa würde ich das nicht bezeichnen.
Vielleicht verunsichert es mich etwas, dass Herr Irving so brutal die Wirklichkeit mit all ihrer Obszönitäten wiedergibt, wo ich doch versuche mittels Romanen dieser Welt zu entfliehen.
Oder es ist, weil ich diesen Mann so sehr für seine sprachliche Kunst bewundere, dass mich diese kleinen Entgleisungen, die ich für sehr autobiographisch halte, enttäuschen.

Die Frage nach autobiographischen Aspekten beantwortet er ja nicht gern. Er meint es würde doch nichts zur Sache tun, sofern das Buch gut sei. Und damit hat er natürlich Recht.


Aber es ist nicht zu verkennen, dass er sich in seinen Büchern selbst widerspiegelt. Er hat in Wien gelebt- seine Bücher spielen in Wien. Er ist in New Hampshire aufgewachsen- seine Bücher spielen in New Hampshire. Garp ist Ringer. Er selbst war Ringer. Sein Großvater war Gynäkologe- der Arzt in Gottes Werk und Teufels Beitrag ist es.
Jedes seiner Bücher, das ich bisher gelesen habe, handelt entweder über Nutten, Bären, Radikale, unschönen Sexgeschichten, Vergewaltigungen oder Tod- meist sogar alles zusammen.
Der Verdacht liegt nahe, dass sich dort Parallelen zu seiner eigenen Persönlichkeit auch hier, allein schon wegen der Häufigkeit, ziehen lassen.
Und selbst wenn nicht; selbst wenn er über eine vollkommen fremde Person schreibt: alle Informationen müssen erst seine neuronalen Verbindungen durchwandern, bevor sie ausgespuckt werden. Alle fremden Gefühle, müssen erst durch ihn nachempfunden werden, bevor er seinen Charakteren diese Lebendigkeit vermitteln kann.
Alles Geschriebene wird irgendwo also immer autobiographisch sein.
Herr Irving, da bin ich mir sicher, wird ganz gewiss eine kleine dreckige Seite an sich haben- eine Seite, die jemand wie ich keinesfalls näher kennen lernen möchte.

Und doch ist er mein absoluter Lieblingsautor. Die Nummer eins.
Ich kenne niemanden, der ihm auch nur annähernd das Wasser reichen könnte- nicht im modernen und auch nicht im klassischen Bereich.