Jonathan Coe – Der Regen, bevor er fällt

Posted on Februar 15, 2010 by Lilly

regenbevorerfaelltGill, eine Mutter in den mittleren Jahren, kümmert sich um den Nachlass ihrer verstorbenen Tante Rosamond. In ihrem Haus findet sie verschiedene Tonbandaufnahmen und einen Brief, in der sie ihre Nichte darum bittet, Imogen zu finden und ihr diese zu überreichen. Gill erinnert sich an diese Imogen, einer weit entfernten Cousine. Sie war in den Zwanzigern und Imogen noch ein Kind – ein stilles, traurig wirkendes und blindes Kind – als sie sich auf dem Geburtstag ihrer Tante kennenlernten. Es gab nur dieses eine Treffen zwischen beiden. Wie soll sie Imogen, die mittlerweile zur jungen Frau herangewachsen sein müsste, finden?
Da es ihr zunächst nicht gelingt, folgt sie der Bitte ihrer Tante und hört sich die Tonbänder selbst an.

“Ich möchte dir, mehr als alles andere, Imogen, eine Vorstellung von deiner Geschichte vermitteln. Du sollst ein Gefühl dafür bekommen, wo du herkommst und welche Kräfte es waren, die dich hervorgebracht haben”, beginnt Rosamond zu erzählen.
Sie möchte Imogen, die nicht bei ihrer Mutter aufgewachsen ist, erzählen, warum es dazu gekommen ist und wie das letztendlich mit ihrer Blindheit zusammenhängt.

Sie beginnt mit den 40er Jahren. Als kleines Mädchen wurde sie selbst von ihren Eltern zu ihrer Tante aufs Land geschickt- evakuiert, um sie vor den Gefahren des Krieges in der Stadt zu schützen. Dort freundete sie sich mit ihrer etwas älteren Cousine Beatrix an, die von ihrer Mutter gänzlich ignoriert oder kaltherzig behandelt wird. Die Liebe scheint nur ihren Brüdern und den Hunden zugute zu kommen.
Um ihrem Elternhaus zu entfliehen, heiratet sie früh und wird ungewollt schwanger. Die Freundschaft zwischen Rosamond und Beatrix besteht lange weiter – und so fühlt sich Rosamond auch zu dem kleinen Kind, Thea, hingezogen. Sie lebt sogar zwei Jahre bei ihr und ihrer Freundin, nachdem die unstete, unreife und verantwortungslose Beatrix einem Mann nach Kanada hinterher reist.
Trotz der Liebe, sie ihr mit auf dem Weg gibt, kann sie das Mädchen nicht vor ihrer Mutter schützen, die sie später wieder zu sich holt und genauso kalt und grausam behandelt, wie sie selbst es von zuhause kannte.

Als junge Frau scheint Thea, mittlerweile abgestumpft, gefühllos und leer wirkend, das gleiche Schicksal zu ereilen, wie ihre Mutter. Sie wirft sich den erstbesten Mann an den Hals und bekommt früh ein Kind. Auch ein Mädchen. Imogen. Bis zu ihrem dritten Lebensjahr lebt sie bei Thea. Rosamond erklärt dann erschütternd und voller Mitgefühl, wie es zu ihrer Erblindung kam, warum sie zu Adoptiveltern gegeben worden ist und warum es einerseits richtig war, die Kette aus Kaltherzigkeit zu unterbrechen und andererseits schmerzhaft. Besonders für sie selbst. Denn die eigentliche Hauptperson in diesem Roman ist Rosamond, ihre verzweifelten Versuche ihrer Cousine und ihren Nachkommen etwas von ihrer Liebe abzugeben und das Gefühl des Verlorenseins, das sie selbst immer wieder ereilt hat.

Der Roman folgt einem klaren System. 20 Fotos hat Rosamond herausgesucht, um 20 kleine Geschichten zu erzählen, die zu Imogens Geburt führten.
Manchmal waren ihre ausufernden Beschreibungen dessen, was sie auf den Bildern sah und was sie hineininterpretierte etwas zu langatmig, aber am Ende schloss sich der Kreis. Auch winzige Details oder Dinge, die einem zunächst unwichtig vorkamen, deuteten auf etwas hin.
Jonathan Coe hat die Charaktere so subtil und fein gezeichnet, dass einem gar nicht auffällt, wie gut man die Frauen im Buch kennenlernt, wie tief und außergewöhnlich sie sind, ohne einem fremd oder unrealistisch vorzukommen.

Zugegebener Maßen sind die Erzählungen lange Zeit nicht wirklich spannend. Die Tragik ist eher hintergründig und manchmal beschleicht einen das Gefühl, dass nicht wirklich etwas Erwähnenswertes passiert. Aber ich gehe davon aus, dass der Autor das ganz bewusst so gemacht hat. Es ging ihm nicht um die einzelnen Szenen, sondern um das große Ganze. Er wollte Stimmungen vermitteln und Muster aufdecken. Dinge, die sich immer wiederholen und gleichzeitig richtig und falsch sein können. Oder um es in Rosamonds Worten zu sagen:

„Ich glaube, ja, zumindest etwas in dieser Richtung – ist Folgendes: dass das Leben erst dann anfängt, einen Sinn zu ergeben, wenn man begreift, dass manchmal – oft – immer – zwei sich völlig widersprechende Vorstellungen wahr sein können.
Alles, was zu dir geführt hat, war falsch. Daher hättest du nicht geboren werden dürfen. Doch alles an dir ist richtig. Du musstest geboren werden. Du warst unvermeidlich.“

Es sind nicht nur die Dinge, die wir erfahren, nachdem Rosamond nicht mehr da ist, die für absolute Taschentuchgarantie und vielleicht auch für Gänsehaut sorgen, sondern eben auch das, was über der Geschichte steht: Dass nichts im Leben zufällig ist. Es ist da und es ist greifbar. Aber in dem Moment, indem man es erkennt, verschwimmt es. Der Sinn. Vielleicht auch das Geheimnis hinter der Liebe. Da und doch nicht da … wie der Regen, bevor er fällt.

4sterne


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