Tana French – Grabesgrün

Posted on Oktober 24, 2008 by Lilly

Dieser Sommer explodiert auf der Zunge und schmeckt nach Grashalmen, eurem eigenen sauberen Schweiß, nach Doppelkeksen, aus denen die Cremefüllung quillt, und geschüttelten Flaschen roter Limonade, dem klassischen Baumhauspicknick. Er prickelt euch auf der Haut, wie der BMX-Fahrradwind im Gesicht, wie Marienkäferbeinchen auf den Armen.

Was für ein Krimi. Wie hervorragend und wie … verwirrend!

Die Detectives Rob und Cassie sind jung, humorvoll und unverbraucht. Sie geben ein perfektes Team ab, das jeglichem Stress im Morddezernat mit Witz, Sarkasmus und Freundschaft trotzt.
Nur per Zufall erhalten sie den Auftrag in einem brisanten Mordfall zu ermitteln, was ihre Welt komplett auf den Kopf stellt. Ein Mädchen wurde ermordet, vergewaltigt und wie ein eine Opfergabe auf einem historischen Stein präsentiert.
Was zunächst eindeutig erscheint, entpuppt sich mehr und mehr als kompliziertes Puzzle: Die Vergewaltigung war nur ein Vorwand- mit einem stumpfen Gegenstand ausgeführt, um die Ermittler auf eine falsche Fährte zu locken.
Wer hätte Interesse an einer solchen Tat? Vielleicht Investoren und Politiker, die den Bau einer Schnellstraße durchsetzen wollen und damit eine Warnung in Richtung Gegner und Demonstranten senden, zu denen auch der Vater des Mädchens gehört?


Oder verrückte Satanisten, die tatsächlich ein Opfer darbieten wollen? War es am Ende vielleicht auch der eigene Vater, der, so finden die Detectives heraus, keine schmeichelhafte Vergangenheit hatte? Man darf sich überraschen lassen.
Aber auch Rob trägt ein dunkles Geheimnis mit sich herum, eine mächtige Erinnerung, die die zweite Handlung dieses Romans ausmacht.
Zwei seiner Freunde verschwanden als Kinder spurlos im Wald, eben dieser Wald in dessen Nähe viele Jahre später das Mädchen gefunden wurde. Rob tauchte jedoch wieder auf, unter Schock stehend, mit Blut in den Schuhen und ohne jegliche Erinnerungen. Was ist mit seinen Freunden passiert?
Und was hat das ganze mit diesem Fall zu tun?

Wirklich wunderbare Handlungsstränge, die die Autorin herausgearbeitet hat – und auch wundervolle Figuren.
Auf über 600 Seiten verliert sie sich in Details, beschreibt winzige Einzelheiten, die das Geschehen so real machen, als würde man neben sich Menschen atmen hören.
Immer wieder werden Kindheitserinnerungen atmosphärisch aufgegriffen und liebevoll beschrieben: Wie wunderschön ein lange Sommer sein kann, den man augelassen im Wald verbringt. Ein Wald, der den Kindern Spielplatz, Trost und Freund zugleich ist. Immer wieder hallt das Kinderlachen im Kopf wider, um dann mit grausamen Details schnell wieder ausgelöscht zu werden und den Leser auf eine Gefühlsachterbahn zu schicken.
Tana spielt mit psychologischen Details, der Basis unserer Stimmungen und allzu menschlichen Abgründen.
Hervorragend!

Das dachte ich jedoch nur, bis ich heute Abend das Ende des Buches erreicht habe.
Der Schluss ist unbefriedigend – noch schlimmer als das Ende bekannter Fernsehsoaps. Alles, was sich der Leser wünscht, wird außer Acht gelassen.

Und viele Einzelheiten werden einfach nicht aufgeklärt.
Was war ich sauer. So ein wundervolles, viel versprechendes Buch und dann das. Wie kann das sein?
Zwischenzeitlich habe ich mich aber wieder beruhigt, als ich herausgefunden habe, dass dies eine Krimireihe werden soll und ein zweites Buch mit der Ermittlerin Cassie Maddox bereits auf Englisch erschienen ist. Ein kleiner Teil in mir, der nach Aufklärung geschrien hat, freute sich mordsmäßig (was für ein Wort in diesem Zusammenhang) und war schon bereit volle fünf Ratten zu vergeben.
Dann hab ich aber herausgefunden, dass dieses offene Ende gewollt war und auch im Nachfolgeroman nicht aufgeklärt wird. Ob das wirklich ihr Ernst ist?
Ehrlich, sie schreibt so wunderbar und alles war einfach perfekt. Aber ohne richtiges Ende ist eine Geschichte keine Geschichte, zumindest keine gute.
Auf Englisch heißt diese Geschichte „In the woods“, im Wald also. Und berechtigter Weise fragen diese Leser in ihrem Amazon-Reviews: „Was war denn nun bitte schön im Wald?“
Ich bin enttäuscht und vergebe nur drei Ratten.

3 Ratten

Comments

  • Barbara on Oktober 29th, 2008

    Es ging mir so ähnlich, als ich das Buch im Original gelesen habe. Bin mir nicht sicher, ob ich das zweite in der nächsten Zeit lesen werde.
    Vielleicht allerdings hat Tana French ja versucht, dem Leser die Enttäuschung des Protagonisten zu verdeutlichen, der ja auch nicht herausfindet, was jetzt wirklich geschehen ist, obwohl er ja nahe dran gewesen zu sein scheint – oder ist das einer der Tricks für den zweiten Teil?

  • Lilly on Oktober 29th, 2008

    Das könnte sein. Ich denke sie wollte einfach mal etwas anderes ausprobieren- denn dass es ihr an Schreiberkenntnissen bzw. Romanaufbau fehlt, kann ich mir nicht vorstellen; so toll wie alles- bis auf das Ende eben- war.
    Nur glaub ich, dass sie sich mit Kunst oder Experimenten selbst keinen Gefallen tut. Sowas wollen die Leser einfach nicht … und wenn doch, dann greifen sie zu Kafka und nicht zu einem Krimi.

  • Nina on März 6th, 2010

    Ich habe das Buch heute beendet und bin vollauf begeistert. Klar ist es schade, dass sich eines der Rätsels nicht löst, aber das wird ja vorher schon angedeutet und hat mich deshalb nicht besonders überrascht.
    Einerseits will man natürlich schon wissen, was denn da nun wirklich war, aber andererseits ist es für mich so viel realistischer, Robs Figur noch runter und man misst der Tatsache, dass die beiden zumindest ihren Fall aufklären konnten, noch einen ganz anderen Stellenwert zu.

  • [...] “Grabesgrün” ist meine Empfehlung für Krimifans. Mit diesem Roman bekommen sie etwas ganz besonderes. Eine Geschichte, die süffig und super spannend ist, sich aufgrund der Umsetzung aber nicht einfach weglesen und schnell vergessen lässt. Eine ausführliche Rezension findet man hier. [...]

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