Solange du da bist

Posted on Juli 7, 2008 by Lilly

Vor etwa einem Jahr habe ich den gleichnamigen Film mit Reese Witherspoon geschaut und war restlos begeistert. Ein gefühlvoller, lustiger und sehr emotionaler Film.

Nachdem ich herausfand, dass dieser auf den Roman von Marc Levy basiert und die allgemeinen Lobeshymnen bei amazon.de gelesen hab, habe ich sofort zugegriffen. Und nicht nur das- auch der Nachfolgeroman „Zurück zu dir“ wurde gleich mitbestellt, was ich jetzt bereue.
Ja, ich bin recht enttäuscht von dem Buch. Sicher, die Story ist toll- aber das wusste ich auch vorher. Ich habe ihr aber mehr Potential zugetraut und eine bessere, schriftstellerische Leistung erwartet. Die meisten Dialoge, vor allem im ersten Teil, sind platt, ungeschliffen und recht emotionslos. Sie erinnern mich an diverse, schlecht geschauspielerte Richtershows mit affektivem und gekünsteltem Gehabe. Zu den Figuren findet man leider keinen Draht; sie wachsen einem nicht ans Herz, was meiner Meinung nach daran liegt, dass sie wenige innere Monologe führen.
Hin und wieder habe ich wirklich geglaubt ich würde einen schlechteren Groschenroman lesen und keinen Weltbestseller, womit der Verlag protzt. (auf dem Buch prangt ein dicker, roter Aufkleber)

Dem Inhalt ist schnell genüge getan: Eine junge Ärztin fällt nach einem Autounfall ins Koma. Ihr Geist wandert unterdessen in ihrer Wohnung umher, die einen neuen Mieter gefunden hat. Arthur, ein Architekt ist der einzige der Lauren sehen kann und verliebt sich in sie.
Als die Ärzte beschließen, dass es hoffnungslos wäre weiter um das Leben ihrer Patientin zu kämpfen, beschließt Arthur, durch Erinnerungen an seine Mutter angetrieben, ihren Körper zu entführen.

Die Mitte des Buches enthält dann einige tolle Passagen, die das Gesamtbild etwas auflockern. Wann immer es einen Rückblick oder eine Naturbeschreibung gibt, wandelt sich die erzählerische Art Levys um 100%.

Ein Beispiel:

Jene Jahre sollten ihm für immer unvergesslich bleiben. Seine Mutter war zugleich seine beste Freundin und sie zeigte ihm all die schönen Dinge des Lebens.
Manchmal weckte sie ihn morgens in aller Frühe, nur damit er lernte, den Sonnenaufgang zu bewundern und den Geräuschen des erwachenden Tages zu lauschen. Sie lehrte ihn die Vielfalt der Blumen bestimmen und brachte ihm bei, wie er allein an der Form eines Blattes erkennen konnte, zu welchem Baum es gehörte.
Sie führte ihn durch den großen Park und ließ ihn jedes Detail in der Natur entdecken, in die sie an manchen Stellen ordnend eingriff, um ihr an anderen freien Lauf zu lassen. Im Frühjahr und im Herbst ließ sie ihn die Namen der Vögel aufsagen, die auf ihrer langen Reise hier vorüberzogen und in den Wipfeln der Sequoien eine kleine Rast einlegten.
In dem Küchengarten, den Antoine liebevoll hegte, durfte er die wie durch Zauberei emporgeschossenen Gemüse ernten. „Nur die, die schon so weit sind.“
Oder sie saßen am Wasser und zählten die Wellen, die an manchen Tagen zärtlich die Felsen umspielten, als wollten sie sie für ihren gewaltigen Ansturm zu anderen Zeiten um Verzeihung bitten.
„Damit du den Atem des Meeres spürst, seine Kraft, die Laune, die es heute hat. Das Meer trägt unseren Blick, die Erde unsere Schritte“, sagte Lili.

Auch der kleine, integrierte Krimifall hat mir sehr gefallen- und die Dialoge gewinnen in diesem Bereich sehr an Sprizigkeit:

„Willst du dir nicht mal irgendetwas kaufen, woran du deine Launen auslassen kannst?“
„Nein, ich lasse meine Launen an dir aus, das rechtfertigt schon mal fünfzig Prozent deines Gehalts.“
„Weißt du was, mein Entchen? Ich werde dir deine Doughnuts mitten ins Gesicht klatschen.“
„Wir sind doch Bullen, keine Enten!“
„Du nicht, du bist ein grässlicher Ganter, der nicht mal fliegen kann, ein watschender Enterich. Los geh an deine Arbeit und lass mich in Ruhe.“
„Du siehst richtig gute aus Nathalia.“
„Aber ja doch, und du bist genauso schön, wie du gut gelaunt bist.“
„Komm, zieh dein Omajäckchen an, und wir gehen Kaffee trinken.“
„Und wer leitet die Anrufe weiter?“
[…]
Er drehte sich um und ging eilig zu dem jungen Polizeischüler […]
„[…] Meinst du, du kriegst das hin?“
„Um nicht mit ihnen Kaffee trinken zu müssen, würde ich sogar die Klos putzen, Inspektor.“

Zusammenfassend:
Ich liebe die Geschichte, habe Gänsehaut bei den Erinnerungen an Arthurs Mutter bekommen und musste einige Male herzhaft lachen. Das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass der Hauptplot abgedroschen und kitschig dargestellt worden ist und es den Charakteren eindeutig an Tiefe fehlt.

Insgesamt vergebe ich also 3 von 5 Leseratten.

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