Als Jenny sich erschoss

Posted on Mai 6, 2008 by Lilly

Als Jenny sich erschoss, war ich schon Mutter.
Nach allgemeinen Maßstäben vielleicht keine besonders gute; ein wenig zu exzentrisch, etwas unkonventionell.
Doch an jenem Nachmittag, als ich die Nachricht erhielt, konnte ich einen blonden, fröhlich herumhüpfenden Engel als mein eigen Fleisch und Blut bezeichnen.

Die Nachmittagssonne erwärmte mein Gesicht, eine leise Zufriedenheit durchströmte meinen Körper. Von weitem hörte ich das Zwitschern der Vögel, gepaart mit dem Surren der Insekten und süßesten Freudenjauchzern eines kleinen Mädchens.

Da erfuhr ich es.

„Mommy, komm lass uns Blumen pflücken“, bettelte sie.
Die großen blauen Augen, denen man nichts abschlagen konnte, schauten mich eindringlich und liebevoll an.
Hand in Hand wanderten wir zu der großen Wiese hinter dem Haus.

Ich dachte an Jenny.
Jenny, die glückliche, junge Frau, die ihr Leben immer mit Bravur gemeistert hat. Eine Künstlerin. Eine Tänzerin.
Eine tanzende Künstlerin oder eine künstlerische Tänzerin?
Die Welt wurde nur für sie geschaffen, geschaffen, um sie mit Worten malen zu können, um sie zu besingen, um in ihr zu tanzen.
Jenny liebte ihre Freiheit, ihre Unabhängigkeit, die Weite ihres Geistes.
Und die Welt liebte Jenny. Wie von Zauberhand ließ sie ihr all diese kleinen Wunder zukommen; jedes einzelne mehr wert als ein Lottogewinn.
Da waren ihre Freunde, die regelrecht in ihr Leben strömten und sie fast verehrten, ein perfekter Job mit humorvollen und harmonisches Kollegen, ein unerwartetes Erbe in Form eines Hauses inklusive Grundstück in scheinbar unberührter Natur … und Bodger, der kleine Rauhaardackel, der ihr in ihrer Einsamkeit trotzdem Zweisamkeit bieten konnte.
Was ist nur geschehen?

„Hier nimm!“, befahl der kleine Engel und drückte mir einen Stapel blauer Kornblumen in die Hand, ehe sie sich quietschvergnügt in das viel zu hohe Gras fallen ließ.
Mechanisch, noch immer in Gedanken, sortierte ich die Blumen zu einem Strauß und verschönerte ihn mit Mohnblüten, die hier und da in dieser wilden Natur hervorlugten.

Das Bedürfnis zu laufen überkam mich. Weit hinaus, ohne bestimmtes Ziel. Ich wollte mich drehen, bis mir schwindelig wird, die Welt erkunden, bis die Abenddämmerung angebrochen ist. Ich wollte allein sein. Für einen Augenblick. Es gab Dinge, die ich begreifen musste, es war Zeit Abschied zu nehmen.
Doch ich wusste, dass es nicht gehen wird. Das Abendessen muss vorbereitet werden. Er würde bald nach Hause kommen. Lange hat er gearbeitet. Lange und hart … für uns. Das mindeste, was er verdient hat, war eine warme Mahlzeit.
Jenny, dachte ich, was hast du nur getan?

Ich sprang.
Sprang geradewegs in das kniehohe, bunte Gras, um bei meinem Engel zu sein.
Sie lächelte mich an und legte sich in meinen Armen. Da war eine tiefe Trauer in mir. Und doch war ich glücklich. Gemeinsam schauten wir in den Himmel, beobachteten die Wolken, phantasierten uns Geschichten zusammen; jeder ganz im Stillen. Das musste reichen. Es würde mein Wunder für heute sein.

“Gibt es ein Leben nach dem Tod?”, fragte die Kleine.
Ich musste nicht lange überlegen.
“Ja. Nur ein vollkommen anderes.”, hauchte ich ihr ins Ohr und drückte sie fest an mich.

In der Ferne hörte man Hundegebell.


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